Das Ende der Pressefreiheit im Gaza-Streifen

Im Gaza-Streifen häufen sich seit der Machtübernahme der Hamas Übergriffe auf Journalisten. Diese klagen über willkürliches Vorgehen der Behörden, tätliche Angriffe und Entführungen. Es sind die Folgen einer zermürbenden Auseinandersetzung zwischen Hamas und Fatah.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Adal al Salam sitzt im neunten Stockwerk des Pressehauses in Gaza-Stadt. Durch die weit geöffneten, großen Bürofenster weht ein angenehm erfrischender Wind. Es ist 11 Uhr vormittags. Der Chef der palästinensischen Nachrichtenagentur Ramattan, die für ausländische Fernsehstationen arbeitet, macht aus seinen Sorgen keinen Hehl. „Das ist das erste Mal“, sagt Adal, „dass ich beunruhigt bin, dass mein Leben als Journalist in Gefahr ist.“ Anders als in früheren Zeiten, als die Palästinensische Autonomiebehörde nach Gaza einzog oder als Israel den Gaza-Streifen noch kontrollierte, prägten heute Angst und Unbehagen seine Gefühle, sagt er.

Journalisten beklagen Willkür und Unterdrückung

Seit Ende der Achtzigerjahre ist der heute 46-jährige Adal Journalist. Er arbeitete immer im Gaza-Streifen. Zunächst als Dokumentarfilmer, später als Kameramann und dann als Agenturchef. Behindert worden seien er und seine rund 400 palästinensischen Kollegen immer von den jeweiligen Machthabern, ob von der Fatah oder der israelischen Armee. Doch seit der Machtübernahme der Hamas Mitte Juni hat sich sein Leben deutlich verändert – zum Schlechteren. Die Hamas habe eine brutale Ideologie. Sie sei bereit, mit großer Gewalt gegen ihre Gegner vorzugehen. Die Regierung in Ramallah hingegen wolle gerne sehen, dass viel Blut an den Händen der Hamas klebe, um sie an den Pranger zu stellen, so Adel weiter. „Dass ist ja das Dilemma, in dem wir hier stecken“, meint er, „und die Leidtragenden sind die Massen im Gaza-Streifen.“

Auch der palästinensische Korrespondent der französischen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP), Adel al Zaanoun, gibt offen zu, Angst zu haben. Angst, die er bis zur Hamas-Machtübernahme im Gaza-Streifen so nicht gekannt habe. Der besonnen wirkende Mittdreißiger sitzt mit seinen beiden Kollegen in einem klimatisierten Büro in Gaza-Stadt. Die Eingangstür wird von einer Überwachungskamera kontrolliert, ein Sicherheitsmann lässt den Besucher in das AFP-Büro. In zwei Fällen wurden Journalisten aus ihren Büroräumen von Hamas-Bewaffneten verschleppt. „Nachdem die Hamas die Kontrolle im Gaza-Streifen übernommen hat, haben die Schwierigkeiten für Journalisten zugenommen“, sagt Adel. Er berichtet von Willkür gegen Journalisten und von Unterdrückung. Die Hamas habe keine Ahnung von der Zivilgesellschaft.

Opfer einer zermürbenden Auseinandersetzung

Er sei schon mehrmals bedroht worden, weil sein Gesicht seit seiner Zeit als Reporter für das palästinensische Fernsehen in Gaza bekannt sei, berichtet Adel. Offiziell würden die Hamas-Anführer zwar immer sagen, dass an der Pressefreiheit nicht gerüttelt werde – doch das sei nur Rhetorik. Die Mitglieder der Hamas-eigenen Exekutivkräfte würden ganz anders gegen sie vorgehen, sagt er. „Die Journalisten sind Opfer der Polarisierung und der politischen Auseinandersetzung zwischen Fatah und Hamas“, meint Adel. Seine Befürchtung ist, dass die Journalisten einen hohen Preis für die zermürbende Auseinandersetzung bezahlen werden.

In Hebron, im Westjordanland, das unter der Herrschaft der Fatah steht, schlugen Polizeitruppen vor wenigen Tagen ebenfalls palästinensische Journalisten zusammen. Deren „Vergehen“: Die Kameraleute wollten die Festnahme von Hamas-Aktivisten durch Fatah-Kräfte filmen. Das sei allerdings nicht mit den Zuständen im Gaza-Streifen zu vergleichen, sagt AFP-Korrespondent al Zaanoun. Wie gerne würde er mit seiner Frau und seinen drei Söhnen einmal rauskommen aus dem abgeriegelten Küstenstreifen – und sei es nur für einige Tage nach Scharm el Sheikh an die ägyptische Küste des Roten Meeres.

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