„Wir marschieren für das Volk“

Ungeachtet eines Rückzugappells der staatlichen Religionsführer wird die Protestbewegung in Birma immer kraftvoller. In Rangun gingen nach Agenturmeldungen mindestens 30.000 buddhistische Mönche und einfache Bürger gegen die Militärjunta auf die Straße – 10.000 mehr als gestern. In anderen Berichten war sogar von bis zu 130.000 Demonstranten die Rede.

„Wir marschieren für das Volk“, rief ein Mönch über ein Megafon, der die Bevölkerung zugleich aufforderte, sich friedlich zu verhalten und keine politischen Stellungnahmen zu äußern. Vielmehr sollten die Menschen in Gebeten Frieden und liebevolle Freundlichkeit beschwören, verlangte der Geistliche. Auch in anderen Teilen des Landes kam es zu Demonstrationen. In der zweitgrößten birmanischen Stadt Mandalay gingen tausende Menschen auf die Straße, protestiert wurde auch in Bago.

Militärjunta warnt Mönche

Die Militärregierung drohte, gegen die wachsende Protestbewegung vorzugehen. Laut Berichten staatlicher Medien traf Religionsminister Brigadegeneral Thura Myint Maung mit religiösen Führern zusammen, um die Warnung zu überbringen. Sollten die Mönche sich gegensätzlich zu den Prinzipien der buddhistischen Lehre verhalten, werde im Rahmen der Gesetze eingegriffen, sagte der Minister demnach.

Bereits am Morgen hatten die staatlich kontrollierten Religionsführer, der Sangha-Nayaka-Rat, die Mönche aufgefordert, ihre Proteste zu beenden. Die Klöster in der größten Stadt des Landes sollten alle zu Besuch verweilenden Mönche aus dem Umland nach Hause schicken, so der Rat. Viele der in Rangun demonstrierenden Mönche kommen aus anderen Landesteilen und halten sich offiziell zur Weiterbildung in der Stadt auf.

Demonstrationen wachsen von Tag zu Tag

Gestern hatten in Rangun rund 20.000 Menschen demonstriert, unter ihnen 10.000 buddhistische Mönche. Die Geistlichen sind die Anführer der Protestbewegung. Einige hundert von ihnen waren vergangenen Montag erstmals gegen die seit 45 Jahren regierende Militärjunta auf die Straße gegangen. Seitdem wurden die Demonstrationszüge täglich größer. Die Militärführung hatte Mitte August die Treibstoffpreise sowie die Kosten für andere Versorgungsgüter drastisch erhöht. Dabei ist die Versorgungslage in dem Land ohnehin katastrophal. Etwa jedes dritte Kind gilt als unterernährt. Es handelt sich um die größten öffentlichen Proteste gegen die Regierung seit der großen Oppositionsbewegung von 1988, die gewaltsam beendet worden waren.

Warum hat die Militärjunta bislang nicht eingegriffen?

Während öffentliche Proteste von der Militärjunta normalerweise sofort niedergeschlagen werden, sind die Mönche nur schwer angreifbar, denn sie werden von der Bevölkerung tief verehrt. Nach Einschätzung von Beobachtern könnte zudem China eine Rolle dabei spielen, dass die Demonstrationen bislang toleriert werden. China übe als wichtigster Wirtschaftspartner Birmas starken Druck auf Rangun aus, vor den Olympischen Spielen im kommenden Jahr Konfrontationen zu vermeiden, so ein südostasiatischer Diplomat. „Jeder weiß, dass China der größte Unterstützer der Junta ist“, sagte er weiter. „Wenn die Militärregierung nun irgendwas unternimmt, wird das auch das Image von China beschädigen.“ China zählt auf die großen Öl- und Gasvorkommen Birmas zur Versorgung seiner boomenden Wirtschaft. In diesem Jahr blockierte Peking eine Sicherheitsratsresolution, in der die Menschenrechtslage in Birma kritisiert werden sollte.

Oppositionsführerin zeigt sich der Öffentlichkeit

Am Samstag hatte die Militärführung die Demonstranten sogar am Haus der seit Jahren unter Hausarrest stehenden Anführerin der damaligen Demokratiebewegung, Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, vorbeimarschieren lassen. Wie Augenzeugen berichteten, sei die 62-Jährige mit Tränen in den Augen vor die Tür getreten. „Sadhu, Sadhu“ – „Gut gemacht“, habe sie immer wieder gesagt. Die Sicherheitskräfte, die jeden Zugang zu ihrem Haus seit Jahren verweigern, schritten nicht ein.

Suu Kyi verbrachte fast zwölf der vergangenen 18 Jahre in Isolation unter Hausarrest. Sie führte den 1988 niedergeschlagenen Widerstand mit der Forderung nach demokratischen Wahlen an. Das Militär ließ Wahlen schließlich zu, die sie mit ihrer „Nationalliga für Demokratie“ 1990 haushoch gewann. Das Ergebnis erkannten die Generäle jedoch nie an. Den Nobelpreis erhielt sie 1991 für ihren Einsatz für einen friedlichen Regimewechsel in Birma.

Internationale Unterstützung für Proteste

Die Bundesregierung begrüßte die friedlichen Proteste gegen das Militärregime. „Wir haben dafür Sympathie“, erklärte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Jäger. Ähnlich hatte sich zuvor bereits US-Außenministerin Condoleezza Rice geäußert. Präsident George W. Bush werde die „Brutalität“ der Regierung bei seinen Treffen am Rande der UN-Vollversammlung in New York zum Thema machen.

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