Frankreich ging zu Fuß

Die Franzosen waren gut vorbereitet: Auf Rollschuhen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß kamen sie zur Arbeit, als nichts mehr ging. Der öffentliche Nah- und Fernverkehr war für einen Tag fast komplett lahmgelegt, weil es die Eisenbahner auf eine Kraftprobe mit Präsident Nicolaz Sarkozy abgesehen haben. Sie protestierten gegen die geplante Rentenreform für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, die zu einer Abschaffung der Frührente führen soll.

In Paris fuhr weniger als jede zehnte Metro, fast alle Vorortzüge und TGVs fielen aus.
Dutzende Bahnhöfe im ganzen Land blieben verwaist, nur wenige unkundige Touristen hatten sich auf die Bahnsteige verirrt. Auch der Zugverkehr von und nach Deutschland war betroffen. Dagegen stauten sich die Autos auf den Zubringerstraßen in die Hauptstadt mehr als hundert Kilometer.

Zehntausende kamen zu Protesten

Die Gegner von Sarkozys Plänen machten auch mit zahlreichen Protestmärschen mobil. In Paris nahmen laut der Gewerkschaft CGT 25.000 Menschen an einer Demonstration teil. In Marseille im Süden des Landes waren es Polizeiangaben zufolge 7300, die Gewerkschaften sprachen von 50.000 Teilnehmern. Für Lille im Norden wurden 4000 von den Organisatoren und 8000 von den Behörden genannt.

Erster gemeinsamer Streik seit 12 Jahren

Erstmals seit 1995 hatten sich die acht französischen Bahngewerkschaften auf einen gemeinsamen Streik einigen können. Auch Beschäftigte in der Energiebranche schlossen sich den Arbeitsniederlegungen an. Der Ausstand soll bis zum Freitagmorgen dauern. Einige kleinere Gewerkschaften schlossen eine Fortsetzung allerdings nicht aus. Am Montag wollen die Gewerkschaften über mögliche unbefristete Streiks beraten. Dann soll der Arbeitskampf auch auf weitere Branchen wie die Müllabfuhr oder den Flugverkehr und andere Branchen ausgedehnt werden. Allerdings sind in der privaten Wirtschaft nur fünf Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert.

Sarkozy will Rentenreform

Fünf Monate nach dem Amtsantritt von Präsident Sarkozy richten sich die Proteste gegen seine Pläne, die Frührente bei Staatsunternehmen abzuschaffen. Zuletzt hatte vor zwölf Jahren eine Regierung versucht, diese Privileg zu kippen. Streiks legen damals das ganze Land für fast drei Wochen lang lahm. Daraufhin ließ die Regierung von ihrem Vorhaben ab.

Bisher können Angestellte bei der Bahn, den Pariser Verkehrsbetrieben und den Energieversorgern EDF und GDF teils schon mit gut 50 Jahren in Pension gehen. Die konservative Regierung Sarkozys will das Rentenalter nun heraufsetzen. Nach Umfragen hält die Hälfte der Franzosen den Streik für ungerechtfertigt. Dass sich eine ähnlich massive Bewegung wie 1995 bilden wird, gilt daher als unwahrscheinlichh

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