Emanzipation auf Kenianisch

Sie waren das Eigentum ihrer Männer, wurden von ihnen geschlagen und zum Teil verstoßen. Dutzende Samburu-Frauen wollten dieses Schicksal nicht länger ertragen. Jetzt leben sie in einem kenianischen Frauendorf zusammen, friedlich und wirtschaftlich erfolgreich – sehr zum Entsetzen der Männer, die sie inzwischen manchmal für sich tanzen lassen.

Von Birgit Virnich, ARD-Studio Nairobi

Keiner kann so mit Perlen umgehen wie Samburu-Frauen, ähnlich wie die Massai. Mit großem Geschick haben sich Frauen wie Margret eine eigene Existenz aufgebaut. Die Muster, die sie sticken, sind uralt. Doch ihr Lebensstil könnte kaum moderner sein. Sie haben sich von ihren Männern getrennt, obwohl Samburu-Frauen traditionell durch ihre Ehe zu deren Besitz werden.

Margret lebt seit sieben Jahren in Umoja, dem einzigen Frauen-Dorf in ganz Ostafrika. Hier hat sich die 28-Jährige ihr eigenes Leben aufgebaut. Umoja bedeutet „gemeinsam“. Doch Margret und die anderen Frauen arbeiten nicht nur zusammen, sie teilen auch das gleiche Schicksal. Sie sind entweder von ihren Männern verstoßen worden, oder haben ihre Männer verlassen, weil diese sie geschlagen oder misshandelt haben. „Mit der Zeit habe ich begriffen, dass das Zusammenleben mit Männern in unserer Kultur stressig ist. Sie zwingen dich zum Sex und zur Arbeit und am Ende haben sie auch noch das Recht, dich zu schlagen, auch wenn du gar nichts Schlimmes getan hast“, erzählt Magret.

Geschickte Geschäftsfrauen und stolze Landbesitzerinnen

Über die Jahre sind die Samburus zu geschickten Geschäftsfrauen geworden. Von den Einnahmen für ihren Schmuck können sie gut leben. Die Hütten und das Land gehören längst ihnen. Ungewöhnlich für Samburu-Frauen, die traditionell keine Land- und Erbrechte haben. Bei den täglichen Besprechungen, kann jede Frau mitbestimmen, so will es die Chefin des Dorfes, Rachel. Die Frauen blühen auf, wenn sie endlich nach all den Demütigungen Verantwortung übernehmen, erklärt sie.

Margret geht mit den anderen Frauen hinaus, um Feuerholz zu sammeln und Zweige für die Hüttendächer. Sie ist hier aufgewachsen, hat hier aber auch die schlimmsten Stunden ihres Lebens erlitten. Die Erinnerungen daran werden sie wohl nie wieder loslassen: „Hier auf diesem Feld bin ich von einem britischen Soldaten vergewaltigt worden. Das hat mein ganzes Leben verändert. Mein Mann hat mich vor die Tür gesetzt. Und meine Familie hat mich verstoßen. Durch diese Vergewaltigung habe ich meine ganzen Verwandten und mein altes Leben verloren.“ Margret möchte nie wieder unter der Knute eines Mannes stehen. Als ihr Ehemann sie als „unrein“ rausschmiss, war sie zunächst am Boden zerstört. Jetzt ist sie eine Vorreiterin für Frauenrechte.

Neues Projekt: Campingplatz

Mittlerweile sind es fast 40 Frauen, die zusammen mit ihren Kindern in Umoja Unterschlupf gefunden haben. „Wir sind ein glückliches Dorf“, meint Margret. „Uns geht es finanziell besser, als je mit unseren Ehemännern.“ Mittlerweile haben die Frauen soviel Geld angespart, dass sie einen Campingplatz bauen werden für Touristen, die die Kultur der Samburus hautnah erleben wollen. In der herrlichen Landschaft rund um den Samburu-National-Park dürfte es nicht schwer sein, Touristen anzuziehen, zumal die Frauen von Umoja zunehmend als Feministinnen Furore machen. Die Emanzipation afrikanischer Frauen hat es zuvor nur in den Städten gegeben.

Mit denen ist nicht Gut-Kirschen-Essen

Am Nachmittag gehen Margret und ein paar Frauen nach Archer’s Post. Früher staubiger Stützpunkt britischer Kolonialbeamter, heute sind hier junge Samburus auf Brautschau. Skeptisch beäugen sie die stolzen Emanzen aus dem Nachbardorf. Die Männer aus den Kneipen und Läden kennen das schon: Mit diesen Frauen ist nicht Gut-Kirschen-Essen. „Wir leben hier im Norden Kenias und es ist die Tradition der Nomaden, die Frauen zu schlagen, wenn sie nicht gehorchen. Es ist die Pflicht der Frauen, für uns Männer zu arbeiten“, erklärt ein Mann. Und sein Freund meint: „Es ist nicht normal, dass Frauen alleine leben.“

Eine Ziege zur Feier des Tages

Diese Reibereien kennen die Frauen schon. Doch in den kleinen Läden, den Dukas, sind sie gut angesehene Kundinnen. Sie sind die einzigen, die Vorbestellungen aufgeben und die Ware dann auch pünktlich bezahlen. Für die Frauen ist heute ein Festtag. Sie haben das Geld für den Campingplatz zusammen und kaufen zum Erstaunen der Männer eine Ziege, die sie später selbst schlachten – undenkbar unter traditionellen Samburus.

Das hätte es früher nicht gegeben. Das Schlachten der Tiere ist bei den Samburus reine Männersache. Dorfchefin Rachel erklärt: „Früher mussten wir warten, bis die Männer gegessen hatten. Wir haben dann die Innereien bekommen.“

Abends lassen sie Männer tanzen

Nach einer erfolgreichen Woche wollen die Frauen am Abend feiern. Die Traditionen der Samburus sind ihnen wichtig, auch wenn sie sie nach eigenem Gusto auslegen. Für den heutigen Abend haben sie ein paar Männer aus dem Nachbardorf engagiert, um für sie zu tanzen. „Das ist unser traditonelles Dik-Dik-Lied. Es spornt die Männer an, so hoch wie möglich zu springen“, erklärt Magret. Und erst wenn sie hoch genug gesprungen sind, sind die Frauen zufrieden.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.