Ein Land steht still

Bisher war für viele Franzosen das Problem: wie zur Arbeit kommen und wie wieder nach Hause? Jetzt heißt es außerdem: wohin mit den Kindern? Denn viele Schulen bleiben geschlossen oder bieten nur noch eine Notversorgung an. Neben den Eisenbahnern streiken heute auch Lehrer, Postler, Finanzbeamte. Der Protest wird zur Massenbewegung.

Von Angela Ulrich, SR-Hörfunkkorrespondentin Paris

Viele Eltern versuchen, sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, wie an einer Vorschule am Rande von Paris. Sophie hat drei Kinder. „Ich habe viele Freunde, deren Kinderfrauen nicht kommen können“, sagt sie. „Da müssen wir uns organisieren. Ich kann einige Kinder mit nach Hause nehmen. Wir müssen uns helfen!“ Ihre Freundin Edith nimmt das Angebot dankend an.

Den Streik der Lehrer kann Edith noch verstehen. Da geht es um rund 12.000 Stellen, die die Regierung im kommenden Jahr an den Schulen einsparen will – jeder zweite frei werdende Posten. Und weniger Lehrer, größere Klassen – dagegen lohnt es sich zu streiten, findet Edith. Für den Ausstand der Eisenbahner hat sie jedoch keinerlei Verständnis mehr. „Das nervt inzwischen doch alle. Es ist nicht konstruktiv. Sie sollten lieber den Elysee-Palast blockieren als die Leute daran zu hindern, zur Arbeit zu gehen!“

Nur jede fünfte Metro soll fahren

Doch heute ist ein weiterer schwarzer Tag für viele Franzosen, vor allem in und um Paris: Nur jede fünfte Metro fährt, kaum Vorortzüge, nur jeder zweite TGV. Seit einer Woche wiederholen sich die Szenen: überfüllte Bahnsteige, Menschen, die erfolglos versuchen, sich in die wenigen Bahnen zu quetschen.

„Wo ist der Ausweg?“ heißt es in Zeitungsschlagzeilen. Dahinter steht ein großes Fragezeichen. Denn auch, wenn morgen zum ersten Mal zwischen Gewerkschaften, Unternehmen und Regierung verhandelt werden soll: eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Einen ganzen Monat hat die Regierung für die Gespräche angesetzt.

Fillon appelliert an die Eisenbahner

Zwar ist ein Ende der Streiks keine Vorbedingung mehr. Doch Premierminister Francois Fillon rief die Eisenbahner gestern Abend erneut auf, ihren Ausstand zu beenden. „Es gibt jetzt keinen Grund mehr, den Verkehr weiter zu blockieren“, so Fillon. „Ich appelliere an das Verantwortungsgefühl jedes einzelnen. Die Verhandlungen werden beginnen. Jetzt müssen auch die Züge wieder rollen und die Rechte der Fahrgäste gewahrt werden.“

Neben diesen Appellen liegen offenbar konkrete Angebote auf dem Tisch. Mit Gehaltserhöhungen und Prämien im Wert von 90 Millionen Euro wolle die Staatsbahn SNCF die Einschnitte bei der Rente ihrer Mitarbeiter abfedern, schreibt die Zeitung „Le Monde“. Bisher jedoch demonstrieren die Eisenbahner an der Basis Entschlossenheit zum Weitermachen. Es sind weniger Streikende geworden, aber die fahren einen harten Kurs.

Viele von ihnen hoffen auf neuen Schwung für die Streikbewegung mit dem heutigen gemeinsamen Protesttag mit dem öffentlichen Dienst. Es könnte jedoch auch der Anfang vom Ende des Ausstands sein. Denn zumindest die Lehrer und Beamten kehren morgen an ihre Arbeitsplätze zurück.

Original, Google Cache, archive.org

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