Kippe aus – selbst für Kemal Atatürk

Nicht nur Deutschland, auch der EU-Anwärter Türkei hat ein Rauchverbot beschlossen. Und das hat es in sich: Ab Mitte 2009 heißt es: Kippen aus, und das überall. Keine Ausnahmen. Nicht einmal im Fernsehen sollen dann noch Raucher gezeigt werden dürfen.

Von Michael Jansen, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Männer, Frauen, Junge, Alte: Genaue Zahlen gibt es nicht, aber glaubwürdige Schätzungen besagen, dass immer noch mehr als die Hälfte der türkischen Bevölkerung raucht. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen: Proteste gegen die massive Erweiterung der Rauchverbote in der Türkei gibt es kaum. Im Gegenteil – selbst Raucher finden das Verbot toll. Statements von Passanten: „Ich finde das sehr gut. Ich denke selber daran aufzuhören.“ „Ich habe schon reduziert, von einer auf eine halbe Packung am Tag.“ „Das Rauchverbot war überfällig. Wir wollen doch in die EU. Das hätte schon viel früher kommen müssen.“ Und: „Für Nichtraucher ist es eine Qual. Nach einem Barbesuch ist es, als hätten sie selbst geraucht. Ich rauche zwar, aber man muss auch an die Nichtraucher denken.“

Einwände haben – natürlich – die Betreiber von Bars und Restaurants: „Was ist mit dem Komfort der Leute? Sie haben eine Stunde Mittagspause, am Arbeitsplatz dürfen sie nicht – und hier sollen sie jetzt auch nicht mehr rauchen dürfen. Stelle ich mir schwierig vor“, sagt ein Gastwirt. Und er fragt: „Wo sollen all diese Menschen überhaupt noch rauchen? Die Straßen werden übersät sein mit Rauchern. Ob es unserem Geschäft schaden wird, wird sich zeigen.“

Übergangszeit bis 2009

Bis Mitte 2009 haben Wirte und Gäste Zeit, sich an das Rauchverbot zu gewöhnen. Das ist eine recht lange Übergangszeit, angeblich zustande gekommen auf Druck der Gastronomie und der Tabakindustrie. Danach allerdings geht nichts mehr: Spezielle Raucherräume sind nicht vorgesehen, Ausnahmeregelungen, wie etwa in Deutschland für Bierzelte, wird es auch nicht geben – weder für die Kaffeehäuser in der Provinz noch für die traditionellen Wasserpfeifen-Cafés.

Das türkische Anti-Raucher-Gesetz ist auch im europäischen Vergleich ziemlich scharf: es geht das Gerücht, dahinter stecke Ministerpräsident Tayyip Erdogan, ein militanter Nichtraucher. Künftig soll es nicht einmal mehr erlaubt sein, Raucher im Fernsehen zu zeigen. Noch ist nicht so ganz klar, was das heißt: Dürfen türkische Sender jetzt wirklich überhaupt keine Humphrey-Bogart-Filme mehr ausstrahlen?

Staatsgründer Atatürk künftig ohne Zigarette?

Aber: Humphrey Bogart oder Jean Gabin sind nicht einmal das Hauptproblem, sondern der Schutzheilige der türkischen Nation, der Staatsgründer Kemal Atatürk, von dem es kaum ein Bild ohne Raki-Glas in der einen und Zigarette in der anderen Hand gibt. Der sozialdemokratische Abgeordnete Isa Gök spottete dann auch bereits im Parlament: „Ja, soll das etwa heißen, man wird in den Dokumentarfilmen Winston Churchill zensieren? Oder etwa alle Filme und Fotos, auf denen Atatürk raucht? Sollen wir uns ab jetzt etwa mit solchen albernen Dingen beschäftigen?“

Türkische Zeitungen haben die Lösung schon präsentiert: Sie druckten ein bekanntes Foto des Vaters aller Türken, nur leicht retuschiert: zwischen den Fingern hält er keine Zigarette mehr, sondern einen Bleistift.

Original, Google Cache, archive.org

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