Annemarie Renger ist tot

Die SPD-Politikerin Annemarie Renger ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie war die erste Frau und die erste Sozialdemokratin, die zur Präsidentin des Bundestages gewählt wurde. Die Politikerin gehörte zum konservativen Flügel der Sozialdemokraten.

Von Jürgen Kramer, Westdeutscher Rundfunk

Mit dem Namen Annemarie Renger verbindet man vor allem zwei Etappen in einem langen Politikerleben: ihre Zeit an der Seite Kurt Schumachers nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sowie ihre Amtszeit als Bundestagspräsidentin von 1972 bis 1976.

Nur durch einen Zufall fand Annemarie Renger überhaupt den Weg in die Politik. Die 1919 in Leipzig geborene junge Kriegerwitwe landete 1945 in Hannover, wo sie in die Dienste des ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD trat. Sie wurde Schumachers persönlich längste und engste Mitarbeiterin bis zu seinem Tod im Jahr 1952. Damit war ihr weiterer Lebensweg vorgezeichnet. Schon ein Jahr später wurde sie selbst in den Bundestag gewählt, dem sie bis 1990 angehörte – 36 Jahre lang.

„Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann“

Als die SPD in der Ära Brandt eine Legislaturperiode lang die stärkste Fraktion stellte, fiel der Partei erstmals das Amt des Bundestagspräsidenten zu, für das sie Annemarie Renger nominierte. Sie wurde als erste Frau auf diesen Posten gewählt. Entgegen manchen Unkenrufen auch aus den eigenen Reihen meisterte sie die Aufgabe mit Geschick, vor allem aber mit Resolutheit. Ein Jahr nach ihrer Wahl erwies sich Annemarie Renger in einer Meinungsumfrage sogar als die bekannteste Politikerin der Bundesrepublik. Ihr Fazit nach vierjähriger Amtszeit im Jahre 1976: „Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte. Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann.“ Sie musste damals Karl Carstens von der CDU Platz machen, da die Union wieder stärkste Fraktion geworden war. Renger blieb aber Vizepräsidentin bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Parlament 1990.

Da sie stets eine selbstbewusste und streitbare Frau war und überdies oft kompromisslos ihre traditionellen, auf dem rechten Flügel ihrer Partei angesiedelten Überzeugungen vertrat, gab es nicht wenige Kontroversen um Annemarie Renger in der SPD. Von 1961 bis 1973 gehörte sie dem Vorstand ihrer Partei an, ab 1970 sogar dem Präsidium.

Doch dann wurde sie wegen ihrer Unbotmäßigkeit nicht wieder gewählt. Nur mit Mühe konnte sie in den achtziger Jahren ihre Wiedernominierung für den Bundestag über die Landesliste Nordrhein-Westfalen sichern. 1966 hatte Annemarie Renger in zweiter Ehe einen jugoslawischen Diplomaten geheiratet, der aber schon 1973 starb. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 fand Renger eine neue Aufgabe als Präsidentin des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, eines Dachverbands von 130 Parteien, Organisationen und Verbänden, die sich für eine Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft einsetzen. Annemarie Renger starb am vergangenen Wochenende im Alter von 88 Jahren.

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