„Es geschieht großes Unrecht“

Die Olympischen Spiele in fünf Monaten sollen das Bild von einem modernen China in die Welt tragen. Nichts soll die schöne Fassade trüben. Missliebige Regimekritiker werden einfach weggesperrt. Selbst ihre Frauen unterliegen ständiger Kontrolle der Staatssicherheit. Die Hoffnung, dass sich das Land auch für Kritik öffnet, hat sich bislang nicht erfüllt.

Von Jochen Graebert, ARD-Studio Peking

An den Ufern des Taihu, des drittgrößten Binnensees Chinas, fühlt sie sich ihrem Mann besonders nahe: Xu Jiehua, die Frau des inhaftierten Umweltaktivisten Wu Lihong. 15 Jahre lang hat ihr Mann gegen die Verseuchung des Sees gekämpft, gegen gierige Fabrikanten und korrupte Politiker. Hat seinen Beruf, seine Ersparnisse und am Ende auch seine Freiheit geopfert.

Dabei war er doch fast schon am Ziel – vor zwei Jahren, als ihn sogar der Staatssender CCTV besucht hat. Wu Lihong – ein gefeierter Umweltheld, der um seinen Heimatsee kämpft, furchtlos und unermüdlich. Der Verursacher anzeigt, Wasserproben sammelt. Der deshalb seinen Job verliert, krankenhausreif geschlagen wird, und der trotzdem weitermacht.

Im April 2007 wurde Wu Lihong schließlich doch verhaftet, brutal gefoltert und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. „Während des Prozesses stand mein Mann auf, zeigte seine wund gescheuerten Hände“, erzählt seine Frau Xu Jiehua . „Fünf Tage und Nächte, sagte er, habe man ihn pausenlos verhört und gefoltert. Er ist an seinen auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt worden. Man hat brennende Zigaretten auf seinen Armen ausgedrückt. Es war grauenvoll.“ Aber den Richter interessierte das nicht, der hatte ja, was er brauchte: Wu Lihongs’ Geständnis.

Der See ist umgekippt

Mehr als 3000 Verschmutzer hatte Wu Lihong an den Zuflüssen zum Tai-See angeprangert. Die bittere Ironie: Kaum war der Umweltschützer verhaftet, trat ein, was er stets prophezeit hatte: Der See kippte ökologisch um, Millionenstädte hatten kein Trinkwasser. Es ist eine der größten Umweltkatastrophen Chinas. 2000 Chemiefabriken sollen nun stillgelegt werden.

Doch bestraft wurde nur einer: Wu Lihong. Zu Hause, sagt Xu Jiehua, ist es jetzt still geworden. Seit der Verhaftung ihres Mannes wird auch sie überwacht, bedroht und schikaniert.

Zweimal im Monat ist Besuchstag im Gefängnis. Ihr Mann, erzählt sie, sei weggesperrt worden, weil er korrupten Provinzpolitikern auf der Spur war. Die Anklage: Versuchte Erpressung. Eine lächerliche Justizfarce – kein einziger Zeuge erschien vor Gericht.

„Ich will der Welt sagen, dass ihm großes Unrecht geschieht“

Zwei Stunden dauert die Fahrt zum Gefängnis. Mit ihren Mann darf sie dort nur per Telefon sprechen und ausschließlich über Privates. Wu, erzählt sie uns, dürfe nicht mal lesen oder fernsehgucken. „Er verbringt jetzt seine besten Jahre im Gefängnis“, sagt Jiehua. „Ich will der Welt sagen, dass ihm großes Unrecht geschieht. Mein Mann hat alles geopfert, um seinen Beitrag für eine bessere Gesellschaft zu leisten, dafür darf man ihn nicht bestrafen.“

Der Besuch im Gefängnis wird schon nach wenigen Minuten rüde abgebrochen. Begründung: Sie hätte ihn in ihrem Heimatdialekt begrüßt, im Gefängnis habe man gefälligst Hochchinesisch zu sprechen. So primitiv rächen sich Chinas Machthaber an ihren Kritikern.

Charme-Offensive im Zentrum

Das will so gar nicht zum Glanz der Olympischen Spiele passen. Die Hauptstadt ist derzeit im Baufieber. Hierher soll die Welt schauen, hier will sich China im Sommer als moderne High-Tech-Nation präsentieren. Und als stets sanft lächelnder Gastgeber. Die Vorstellung der Uniform der Olympia-Helfer ist Teil der Charme-Offensive. Die Weltpresse wird zum Event eingeladen und darf die neuen Kostüme bestaunen.

Regimekritiker weggesperrt

Ein paar Ecken vom Olympiageschehen entfernt gibt es aber auch in Peking das andere China. Unter strengem Arrest wohnt etwa Zheng Jinyan, die Frau des kürzlich inhaftierten Regimekritikers Hu Jia. Vor ihrem Haus wimmelt es nur so von Beamten der Staatssicherheit. Beim Besuch mit laufender Kamera reagieren sie – obwohl offensichtlich überrascht – blitzschnell. In wenigen Sekunden ist das Haus abgesperrt. Ein Kriminalfall werde hier untersucht, so die absurde Ausrede, Haus Nummer 37 sei deshalb heute nicht zugänglich.

Wir gehen auf die Rückseite des Hauses, außerhalb der Umzäunung. Als uns Jinyan sieht, kommt sie mit ihrem Baby auf den Balkon. Sie hält Ausschau nach ihren Bewachern, gibt uns ein Zeichen. Wir können mit ihr reden. Ihr Mann, erzählt uns Jinyan, sei ganz plötzlich und lautlos verhaftet worden: „Ich habe das Baby gebadet, und als ich wieder ins Wohnzimmer ging, war Hu Jia nicht mehr da. Man hat mir alle Telefone weggenommen und das Internet gesperrt.“

Rückblick: Im August 2007 haben wir den Bürgerrechtler und seine damals schwangere Frau noch besuchen können. Eingesperrt in seiner Wohnung hatte Hu Jia seine Belagerung mit einem selbstgedrehten Video dokumentiert. Titel: „Gefangen in der Freiheitsstadt.“ Vor dem Hauseingang: Rund um die Uhr Polizeiautos. Und seine Bewacher, die sich beim Kartenspielen vergnügen. Alles aus dem Fenster gefilmt. Wenn Hus Frau, die damals noch nicht unter Hausarrest stand, zur Arbeit ging, wurde sie von Zivilpolizisten ganz offen belästigt und eingeschüchtert. Von einem Freund gefilmt, hält Jinyan ihren Peinigern dieses Schild vor die Nase: „Schämt Euch, eine Frau zu belästigen.“ 

Über 400 Tage muss sie den staatlich verordneten Terror nun schon ertragen. Ob sie glaube, fragen wir Jinyan, dass ihr Mann noch vor den Olympischen Spielen freigelassen werde. „Nein, ich bin da nicht sehr optimistisch“, antwortet sie. „Selbst ich fühle mich ständig bedroht. Und wenn sie sogar mit mir so umgehen, was tun sie dann erst mit Hu Jia?“

Dies war das letze Mal, das Jinyan mit Journalisten sprechen konnte. Denn seitdem ist auch die Rückseite gesperrt, im Namen einer Baufirma. Der harmlose Anstrich – pure Heuchelei.

Ähnliche Szenen erleben wir beim Besuch auf dem Land, in der Provinz Shandong, Ostchina. In einem kleinen Bauerndorf wohnt die Frau des inhaftierten Rechtsanwalts Chen Guangcheng. Kaum haben wir das Haus erreicht, stürzen sich die Bewacher auf uns: Angeheuerte Schläger, mit Steinen bewaffnet. Wir entkommen nur mit knapper Not. Aus der Ferne sehen wir die Frau, die verzweifelt versucht, Kontakt mit uns aufzunehmen. Vergeblich.

Brutale Schlägertrupps

Zweiter Versuch bei Nacht. Im Schutz der Dunkelheit erreichen wir das Dorf. Bei Freunden warten wir auf die Frau des Dissidenten. Ihre Bewacher folgen ihr bis an die Hoftür. Yuan Weijing lebt unter Hausarrest. Die Polizei lässt sie von gekauften Schlägertrupps bewachen, denen sie seit zwei Jahren schutzlos ausgeliefert ist. Brutale Kriminelle, die rücksichtslos zuschlagen. Selbst ihr Anwalt wurde mehrfach verprügelt und schwer verletzt. 

Zeugen werden gefoltert

„Vor dem Prozess haben sie Bauern aus unserm Dorf abgeholt“, erzählt sie. „Sie sollten meinen Mann beschuldigen. Als die Bauern sich weigerten, wurden sie solange gefoltert, bis sie die vorformulierten Aussagen auf Video gesprochen haben.“ Die Bauern hätten sich später bei ihr entschuldigt. „Vor dem Richter wollten sie ihre Aussagen widerrufen. Doch auf dem Weg zum Prozess hat man sie, genauso wie unseren Anwalt, einfach abgefangen und zusammengeschlagen.“  

Blinder Anwalt im Gefängnis

Ihr Mann ist blind. Der Rechtsanwalt vertrat Bäuerinnen, die zu Zwangsabtreibungen gezwungen wurden. Yuan Weijing zeigt Fotos von nackten Frauen. Sie dokumentieren die entwürdigende Brutalität der Polizei. Täglich wurden die Frauen auf die Wache geschleppt und verprügelt. Doch im Gefängnis landete nicht etwa die Folterbande, sondern, brutal zusammengeschlagen, der blinde Rechtsanwalt. Vier Jahre Haft wegen Störung der öffentlichen Ordnung.

„Mein Mann wird im Gefängnis schlechter behandelt als alle anderen Gefangenen“, sagt Yuan Weijing. „Er darf keine Blindenschrift lesen, nicht Radio oder Musik hören, nicht mal mit anderen Gefangenen reden. Man hat ihn von der Außenwelt total isoliert, er ist völlig hilflos. Er ist auch misshandelt worden, und weiß nicht mal, von wem. „

Yuan Weijing ist Lehrerin, sie hat einen kleinen Sohn, ihren Job hat sie verloren. Jetzt kämpft auch sie, ganz auf sich allein gestellt, um ihren Mann.

Den Beitrag von Jochen Graebert und andere Reportagen der ARD-Auslandskorrespondenten sehen Sie am Sonntagabend um 19.20 Uhr im Weltspiegel im Ersten.

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