„Überall, wo Tibeter wohnen, kommt es zu Aufständen“

Nach den schweren Unruhen haben die chinesischen Sicherheitskräfte in der tibetischen Hauptstadt Lhasa offenbar hunderte Menschen festgenommen. Die Polizisten gingen von Haus zu Haus und nähmen alle verdächtigen Tibeter – insbesondere junge Leute – mit, berichtete das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie in Indien. So befänden sich frühere politische Gefangene bereits alle wieder in Haft.

Inzwischen ist in Lhasa ein Ultimatum der chinesischen Behörden abgelaufen. Die Justiz hatte Demonstranten mit schweren Strafen gedroht, falls sie sich nicht freiwillig stellen. Die tibetische Exilregierung warnte vor einem „Massaker“ der chinesischen Sicherheitskräfte in Tibet. Die Situation sei „sehr ernst“. China wies unterdessen Forderungen nach einer internationalen Untersuchung der Vorgänge in Tibet zurück.

„Keine Ausländer – keine Zeugen“

China forderte Ausländer auf, Tibet zu verlassen. Zudem werden keine Visa mehr für die Region erteilt. Offiziell wird die angespannte Sicherheitslage als Grund angegeben. So sagte der tibetischen Regierungschef Qiangba Puncog, „ausländischen Nachrichtenfirmen und Ausländern“ werde wegen „Brandstiftung und Morden“ von Reisen nach Tibet abgeraten. ARD-Korrespondentin Petra Aldenrath hält hingegen andere Beweggründe für wahrscheinlich: „Wenn die Ausländer weg sind, fehlen natürlich auch relevante Zeugen, die beschreiben können, mit welchen Mitteln die chinesischen Sicherheitskräfte in Tibet aufräumen“, so die Journalistin.

Doch die Proteste gehen weiter

Während die chinesische Regierung davon sprach, dass sich die Lage in Tibet beruhigt, berichteten Augenzeugen von Protesten, die immer wieder aufflammen. „Tausende gehen auf die Straße“, sagte ARD-Korrespondent Jochen Graebert, „offenbar kommt es überall dort, wo Tibeter wohnen, zu Aufständen.“ In vielen Städten greife die Polizei jedoch hart durch, diese seien wie ausgestorben, auf den Straßen seien ausschließlich Sicherheitskräfte zu sehen. Autobahnen seien gesperrt. Laut Augenzeugen ließ die chinesische Regierung alle Klöster umstellen. Den Angaben zufolge rückte die chinesische Armee zudem mit einem massiven Aufgebot in die Unruhegebiete vor. Nicht nur in Tibet, sondern auch in den Provinzen Qinghai, Sichuan und Gansu hatten am Wochenende Tibeter für mehr Autonomie, Religionsfreiheit und die Wahrung der Menschenrechte demonstriert.

Unklarheit über die Opferzahlen

Weiterhin unklar ist, wie viele Menschen bislang bereits ums Leben gekommen sind. Nach offiziellen chinesischen Angaben gibt es 13 Todesopfer. Nach Angaben des tibetischen Exilparlaments wurden dagegen mehrere hundert Menschen getötet. Andere tibetische Quellen sprachen von bis zu hundert Toten. China wies Vorwürfe zurück, es habe die Proteste mit Gewalt niedergeschlagen.

Laut dem tibetischen Regierungschefs Puncog wurden 61 Polizisten verletzt. Puncog behauptete, die Sicherheitskräfte hätten nicht gezielt auf Menschen geschossen. Alle Gewalt sei von „tibetischen Unruhestiftern“ ausgegangen. Er sprach von einer „Verschwörung“ heimischer und ausländischer Unabhängigkeitskräfte. Angesichts der Proteste rief die chinesische Regierung einen „Volkskrieg“ gegen den Separatismus aus.

Proteste auch in Indien und Nepal

Auch in der indischen Hauptstadt Neu Delhi demonstrierten mehr als 1000 Exiltibeter gegen die Politik der chinesischen Regierung und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte in Tibet. Die Demonstranten forderten ein Ende der chinesischen Fremdherrschaft in ihrer Heimat. In Nepal kam es ebenfalls zu Protesten gegen die Fremdbestimmung von Tibet.

Am Freitag waren tagelange Proteste in der Altstadt von Lhasa gewaltsam eskaliert. Anlass der Proteste ist der 49. Jahrestag eines Aufstandes in Lhasa gegen die chinesischen Besatzer. Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach dem fehlgeschlagenen Aufstand flüchtete der Dalai Lama nach Indien. China lehnt eine Autonomie der Himalaya-Region strikt ab. Immer wieder landen Tibeter wegen ihrer regierungskritischen Ansichten im Gefängnis. Ehemalige tibetische Häftlinge, die heute im Exil leben, berichten über grausame Foltermethoden.  

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