Keiner will den Schwarzen Peter

Nach dem Scheitern des Transrapid-Projekts in München haben sich die Unternehmen gegenseitig für die Kostenexplosion verantwortlich gemacht. Der Vorstandschef des Transrapid-Systembetreibers Siemens, Peter Löscher, wies die Schuld der beteiligten Bauindustrie zu. Dazu gehören die Unternehmen Hochtief, Bilfinger Berger und Max Bögl. Die Systembetreiber – neben Siemens auch ThyssenKrupp – hätten ihre Kalkulation eingehalten, versicherte Löscher. ThyssenKrupp betonte, für die Kalkulation des Baukonzerns Hochtief sei man „nicht verantwortlich“.

„Alles sehr spitz gerechnet“

Hochtief wies die indirekten Vorwürfe zurück. An der Kostenschätzung von 2004 sei Hochtief nicht beteiligt gewesen, diese habe man lediglich „zur Kenntnis genommen“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Wir haben jetzt erstmals einen Überblick über die Kostensituation, das ist alles sehr spitz gerechnet.“ Dabei habe man festgestellt, dass das Magnetschwebebahn-Projekt für die zuletzt veranschlagten 1,85 Milliarden Euro nicht zu realisieren gewesen sei. In ihren neuesten Kalkulationen waren die beteiligten Unternehmen nach Angaben von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee von Gesamtkosten von 3,2 bis 3,4 Milliarden Euro ausgegangen.

Zur Begründung für die Überschreitung des vorgegebenen Kostenrahmens verwies der Hochtief-Sprecher darauf, dass zuletzt längere Tunnels und ein stärkerer Schallschutz vorgesehen gewesen seien. Hinzu kämen stark gestiegene Preise für Roh- und Baustoffe wie Kupfer, Stahl und Zement. Auch Kostensteigerungen in den kommenden Jahren habe man bei der aktuellen Einschätzung, die seit November 2007 mit hohem Aufwand erarbeitet worden sei, bereits einbezogen.

Huber gibt Wirtschaft Alleinschuld

Hochtief hatte nach eigenen Angaben der bayerischen Staatsregierung den ursprünglichen Kostenrahmen von 1,85 Milliarden Euro nicht fest zugesagt, sondern deutlich gemacht, dass die genaue Kalkulation noch ausstehe. CSU-Chef Erwin Huber wies jedoch den beteiligten Unternehmen mit Blick auf die gestiegenen Kosten die Schuld am Scheitern des Münchner Transrapid-Projekts zu. „Die alleinige Verantwortung dafür trägt die Wirtschaft, die ihre noch vor einem halben Jahr zugesagten Festpreise nicht eingehalten hat“, sagte Huber.

Auch von anderen Unionspolitikern kam Kritik. „Die Industrie wollte offensichtlich kein Leuchtturmprojekt, sondern Kasse machen“, sagte der CDU-Finanzexperte Steffen Kampeter. CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer sagte, für das Verhalten der Industrie habe sie kein Verständnis. Sie forderte, der Investitionsanteil des Bundes am Transrapid müsse nun für andere Technologieprojekte in Bayern verwendet werden. „Ich hoffe, dass die Bundesregierung bei ihrer Zusage bleibt“, betonte Haderthauer.

Technologie-Verkauf nach China?

Die Unternehmen wollen ungeachtet der Entscheidung gegen das Münchner-Transrapidprojekt an der Magnetschwebetechnik festhalten. „Wir sehen diese Technologie weiter als wichtige Exporttechnologie Deutschlands“, sagte Siemens-Chef Löscher. Die deutsche Industrie werde sich weiter um internationale Absatzmärkte jenseits der bestehenden Strecke im chinesischen Schanghai bemühen, darunter um Projekte in Katar und in den USA.

ThyssenKrupp setzt auf das China-Geschäft. „Wir vertrauen weiter auf die Transrapid-Technologie und werden uns zunächst auf die Realisierung der Verlängerung der Schanghai-Strecke konzentrieren“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Nach Informationen der „Welt“ sollen bereits in der nächsten Woche Verhandlungen mit China über einen Transfer der Magnetbahn-Technologie aufgenommen werden.

Die langfristigen Folgen für die Zukunft des Transrapid und die damit verbundenen Arbeitsplätze sind derzeit noch nicht abzusehen. „Wir haben jetzt eine andere Situation, die wir zunächst intensiv analysieren müssen“, sagte die Sprecherin von ThyssenKrupp. Auf Seiten von Siemens machte Vorstandschef Löscher den Erhalt von Arbeitsplätzen vom internationalen Erfolg des Transrapid abhängig. Bei Siemens und ThyssenKrupp sollen nach einem Bericht der „Welt“ jedoch durch das Scheitern der Münchner Strecke zunächst keine Stellen gestrichen werden.

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