Tage des Schreckens

Geschockt blickt die Welt einmal mehr auf den blutigen Konflikt im Nahen Osten: Während auf internationaler Bühne um einen Waffenstillstand gerungen wird, setzt Israel seine Offensive gegen die Hamas in dem winzigen Küstenstreifen mit unverminderter Härte fort – und die Radikalen schießen weiter Rakete um Rakete auf den Süden Israels. Richard C. Schneider, Korrespondent der ARD in Tel Aviv, über Tage des Schreckens – auf beiden Seiten der Grenze.

I. Gaza: Schlachtfeld, Müllhalde, Gefängnis

Seit Beginn der israelischen Offensive hat sich die ohnehin schwierige Situation im Gazastreifen dramatisch verschlechtert. Verzweifelte Menschen fliehen vor den israelischen Angriffen – ohne Ziel. Denn die Grenzen sind dicht, weder Israel noch Ägypten erlauben die Ausreise. Unter den Flüchtlingen ist auch Bassam, Vater von 20 Kindern. Von zwölf seiner Söhne und Töchter fehlt nach einem israelischen Angriff jede Spur.

II. Ein Sack Mehl – für 80 Menschen

Die Versorgungssituation im Gazastreifen wird täglich schlechter, Hilfsorganisationen warnen eindringlich vor einer Katastrophe. Auf den Märkten in Gaza wird nichts mehr angeboten, die Menschen kehren oft unverichteter Dinge in ihre Häuser zurück – wenn sie sich denn überhaupt auf die Straßen wagen. Bassam hat einen Sack Mehl ergattert – der muss für 80 Menschen reichen, die – ebenso wie Bassam – bei Verwandten untergekommen sind.

III. Welcher Staat kann dauerhafte Angriffe hinnehmen?

Die israelische Armee geht im Gazastreifen offenbar mit großer Härte vor – auch wenn das nicht objektiv überprüfbar ist, denn ausländischen Journalisten ist der Zugang versperrt. Relativ sicher ist, dass bereits in den ersten zwei Kriegswochen mehr als 800 Menschen starben und Tausende verletzt wurden. Das aber liegt wohl auch daran, dass die Hamas in ihrem kompromisslosen Kampf gegen Israel dem dichtbesiedelten Gebiet heraus immer wieder Raketen auf Israel abfeuert – und jetzt zivile Opfer bewusst in Kauf nimmt.

IV. „Sie ist doch nur ein kleines Mädchen!“

Die medizinische Versorgung im Gazastreifen war bereits vor den Angriffen schlecht – inzwischen ist sie katastrophal: Zu viele Verletzte, zu wenig Krankenhäuser, verzweifelte Ärzte. „Wir schwimmen im Blut“, sagt ein Mediziner. Radwan Mardis kleine Tochter Nada ist während eines Angriffs schwer verletzt worden, jetzt sucht der Vater verzweifelt nach dem Mädchen. Er findet sie schließlich auf der Intensivstation des Shifa-Krankenhauses, Nadas Zustand ist zwar stabil, aber die Ärzte haben wenig Hoffnung. Das Kind ist so schwer verletzt, dass die medizinischen Möglichkeiten im Gazastreifen nicht ausreichen.

V. Bis zum bitteren Ende…

Die militärische Härte Israels sei von der Hamas so nicht erwartet worden, meinen viele Experten. Die Radikalen hätten sich schlicht verkalkuliert, zudem sei der Gazastreifen nicht der Libanon. Dort hatte Israel zuletzt eine Niederlage gegen die Hisbollah hinnehmen müssen. Wie ernst es Israel jetzt ist, hatte Verteidigungsminister Ehud Barak am Vorabend der Kämpfe klargemacht: Bis zum bitteren Ende werde man den Krieg gegen die Hamas führen, sagte er.

Auf die Frage nach den Gründen für die Offensive gibt es keine einfache Antwort: Der israelischen Bevölkerung reicht es nach Jahren des Beschusses durch Hamas-Raketen – entsprechend hoch ist der Druck auf die Politik. Zumal in Israel derzeit Wahlkampf ist – nur so ist zu erklären, dass sich etwa die Wahlkämpferin und Außenministerin Zipi Livni zum militärischen Hardliner wandelte. Außerdem will wohl die Armee, einst getragen vom Nimbus der Unbesiegbarkeit, ihren Ruf nach der Niederlage im Libanon wieder herstellen. Und schließlich muss man sich fragen, wie lange die souveräne Demokratie Israel fortgesetzte Angriffe der Hamas – die sich in ihrer Charta immerhin die vollständige Vernichtung ihres Feindes Israels geschrieben hat – hinnehmen kann, ohne zurückzuschlagen.

VI. Leben im Terror

Die Bilder vom Leid der Menschen im Gazastreifen sind furchtbar – das Leiden im Süden Israels ist es nicht minder, auch wenn die Bilder weniger aufwühlend sind. Seit Jahren leben die Menschen nahe der Grenze zum Gazastreifen in Angst und Schrecken vor dem stetigen Beschuss durch Kassam-Raketen der Hamas. Die Raketen haben bei weitem nicht das Zerstörungspotenzial des israelischen Arsenals – doch sie richten sich gezielt gegen Zivilisten in Israel. Die Menschen dort sind einem stetigen Terror ausgesetzt, der tiefe Spuren hinterlassen hat.

VII. „Wir haben keine Kraft mehr“

Batsheva Levi lebt in Sderot – und kann nicht mehr. Die Frau ist nervös, leidet unter Angststörungen, schon mehrfach wurde ihr Haus von Kassam-Raketen getroffen. „Wir ziehen eine Generation von seelischen Krüppeln auf“, sagt die Mutter – deren Sohn jetzt im Gazastreifen kämpfen muss. „Wir haben den Krieg nicht gewollt“, sagt Batsheva. Aber Mitleid mit den Palästinensern hat sie nicht: „Jahrelang haben sie Bunker gebaut, Raketen, Waffen eingeschmuggelt, ihre Mütter jubeln ihnen zu, sind glücklich wenn ihre Söhne sterben. Also weint jetzt nicht“, sagt sie.

VIII. Was genau passiert, wissen wir nicht

Die Angriffe, so hört man es von Israels Armee, würden mit großer Härte geführt. Was genau dies bedeutet, weiß niemand, denn ausländischen Journalisten ist der Weg nach Gaza versperrt. Die Berichterstattung ist – wie immer in Kriegszeiten – schwierig. Und auch was aus den Menschen vor der Kamera – aus Bassam, Radwan und der kleinen Nada geworden ist, bleibt bis jetzt unbekannt.

IX. Im Niemandsland

Rafah, unmittelbar an der Grenze zu Ägypten. Dort verlaufen die Tunnel, über die die Hamas Lebensmittel – aber auch Waffen in den Gazastreifen schmuggelt. Entsprechend heftig bombardieren Israels Kampfpiloten die Stadt – Rafah ist seit Beginn der Angriffe wie ausgestorben. Die Hamas erklärt unverdrossen, sie diene lediglich den Palästinensern. Und dazu brauche man eben die Tunnel. Viele Menschen in der Stadt sehen das anders – schließlich treffen die Bomben, die der Hamas gelten, auch ihre Häuser und Familien. „Ich verachte die Hamas“, sagt einer. Allerdings nicht vor laufender Kamera. Denn die Angst vor den Radikalen sitzt tief.

X. Selbsterklärte Helden, gebrochene Menschen – und Leiden ohne Ende?

Wenige Tage vor dem Ausbruch des Krieges noch feierte die Hamas ihre Gründung vor 21 Jahren mit einem gigantischen Aufmarsch. Einmal mehr riefen ihre Führer dort zum kompromisslosen Kampf gegen den zionistischen Feind auf – so wie es in der Gründungsakte der Organisation festgeschrieben ist. Inzwischen ist die Führungsriege untergetaucht – geblieben sind die Zivilisten, mitten im Krieg. So auch Nashaat, seine Wohnung wurde bei einem Angriff in Schutt und Asche gelegt: „Wir sahen den Tod, ich kann diese Angst nicht beschreiben“, sagt er. Und als er sagt, „das kann man kein Leben mehr nennen“, da klingt das fast so wie bei Batsheva Levi in Sderot, auf der anderen Seite der Grenze.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.