Weniger Kreml in Russlands Kirche?

Die russisch-orthodoxe Kirche hat ein neues Oberhaupt: In Moskau wählte das Konzil den Metropoliten Kirill zum neuen Patriarchen. Dieser fordert mehr Selbstständigkeit und politische Unabhängigkeit. Doch er gilt als unberechenbar.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Während in der Christus-Erlöser-Kirche Lobgesang angestimmt wurde, schlug die Glocke der Kathedrale in Moskau 16 Mal. Für die Gläubigen die frohe Botschaft, dass die russisch-orthodoxe Kirche ein neues Oberhaupt hat: den 16. Patriarchen, den Nachfolger des im Dezember verstorbenen Alexi II.

Erfolg im ersten Wahlgang

Nach nur einem Wahlgang stand fest: Eine deutliche Mehrheit der über 700 Delegierten hatte für den favorisierten Metropoliten von Kaliningrad und Smolensk gestimmt. Kirill, der bislang das Außenamt des Patriarchats leitete, erhielt 508 Stimmen. Sein Mitbewerber Kliment, Metropolit von Kaluga und Borowsk, kam auf 169 Stimmen.

Der dritte von der Bischofskonferenz ernannte Kandidat, der Leiter der weißrussischen Kirche, Filaret, war nicht zur Wahl angetreten. „Der Metropolit Filaret hat seine Kandidatur zurückgezogen“ gab der Sprecher des Patriarchats bereits gegen Abend bekannt. „Er hat seine Anhänger aufgefordert, für Metropolit Kirill zu stimmen.“ Der 73-jährige Filaret erklärte später, er habe ein Zeichen der Einheit setzen wollen.

„Zur zweiten Taufe Russlands Stellung nehmen“

Einigkeit hatte auch Kirill in seiner Funktion als Statthalter des verstorbenen Patriarchen zu Beginn des Konzils eingefordert. Er rief die geistlichen und weltlichen Delegierten auf, eine besonnene Wahl zu treffen. „Von Gott persönlich geführt sind wir aus verschiedenen Ländern und Regionen hierher gekommen, um über die Wege der russischen Orthodoxie im 21. Jahrhundert zu entscheiden“, sagte er. „Wir müssen zu den vergangenen 18 Jahren, in denen es zu einer zweiten Taufe Russlands kam, Stellung nehmen. Wir sind berufen, darüber nachzudenken, was mit unserer Kirche in naher Zukunft geschehen soll.“

In einer gut einstündigen Bestandsaufnahme machte Kirill deutlich, dass die russisch-orthodoxe Kirche zu neuer Blüte gekommen sei. Diese neue Stärke müsse bewahrt werden, der gewonnene Einfluss in allen Bereichen geltend gemacht werden.

Kirill strebt nach politischer Unabhängigkeit

Kirill sprach sich dafür aus, dass Kirche und Staat zwar partnerschaftlich, aber doch unabhängig voneinander handeln müssten. Die russisch-orthodoxe Kirche gilt als Teil der staatlichen Machtvertikale. Der Kreml, bemängeln Kirchenkritiker, bestimme weitgehend das Handeln der Kirche. Inwieweit Kirill als neuer Patriarch mit dieser Hierarchie brechen könne und wolle, sei offen, meint der Religionsexperte Wladimir Ojwin. „Er ist zweifellos eine charismatische Person, aber er ist in seinen Handlungen manchmal unberechenbar“, sagte er. Kirill fordere mehr Selbstständigkeit, vielleicht nur zum Schein. „Aber ab und zu ist er nicht zu stoppen.“

So sei auch die Wahlkampagne Kirills, die weitgehend von seinen Anhängern geführt wurde, mitunter über das Ziel hinausgeschossen. Sein Mitbewerber Kliment war zum Teil heftig attackiert worden. Das dürfte nun aber schnell in Vergessenheit geraten. Ebenso wie all die doch sehr weltlich wirkenden Regularien, die das Staatsfernsehen live übertrug, und die manch Nicht-Gläubigen an vergangene Parteitage erinnerte. Am Sonntag bereits wird Kirill, der beim Volk beliebt ist, zum Oberhaupt der rund 150 Millionen Gläubigen geweiht.

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