Die „vergessene Ölpest“ im Nigerdelta

Am Golf von Mexiko müssen die Menschen derzeit hilflos zusehen, wie Öl die Küsten verseucht. Im Nigerdelta in Afrika ist das schon lange Alltag. Unzählige Liter Öl sickern dort jedes Jahr aus den Pipelines. Industrie und Politik drücken sich mit Erfolg vor der Verantwortung.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Gasfackel im Nigerdelta in der Nähe von Port Harcourt
In anderen Ländern ist das Abfackeln längst verboten, im Nigerdelta gibt es noch mehr als 120 solcher Gasfackeln.

Lucky Amobi steht auf seinem kleinen Acker in der Nähe von Port Harcourt und starrt ungläubig auf den gigantischen Flammenwerfer. Die Hitze und der Lärm sind kaum zu ertragen. Mehr als 120 solcher Mega-Gasfackeln stehen im Nigerdelta. Die meisten gehören Shell, dem größten Energie-Unternehmen der Welt. Hier wird das Erdgas verbrannt, das nach oben kommt, wenn Öl gefördert wird. Eine billige Methode, um mit dem unerwünschten Nebenprodukt fertig zu werden.

Anderswo ist das Abfackeln längst verboten, weil Treibhausgase und krebserregende Schwermetalle freiwerden. „Das Abfackeln ist sehr schlecht für meine Ernte“, sagt Amobi. „Seit hier dieses große Feuer brennt, will auf meinem Feld einfach nichts mehr richtig wachsen“. Aber das Abfackeln ist nur eine Begleiterscheinung der Ölpest im Delta. Ein schokoladenbrauner Ölfilm liegt auf dem Wasser, Vögel sterben, Fische gibt es hier längst nicht mehr. Klebrige Ölklumpen schwappen auf die Felder, es stinkt nach Petroleum.

Viele Millionen Liter Öl sind in Wasser und Boden geflossen

6000 Kilometer Ölpipelines durchkreuzen das Nigerdelta im Zickzack – einige sind völlig veraltet. Wegen der Lecks und der immer häufigeren Öldiebstähle kommt es  im Durchschnitt fünf Mal pro Woche zu einem massiven „Spill“ – zu einer Öl-Havarie. Seit in Nigeria Öl gefördert wird, sind auf diese Weise viele Millionen Liter Öl ins Wasser und in den Boden geflossen. Ein Umweltdesaster, für das vor allem der Ölmulti Shell immer wieder Ärger bekommt. Der Konzern fördert allein rund 40 Prozent des nigerianischen Öls.

Shell ein „Staat im Staate“ oder „Corporate Citizen“?

Ein mächtiger Staat im Staate, der sein Geld auf Kosten von Mensch und Umwelt verdiene, sagen die Kritiker. Pressesprecher Bobo Brown von Shell Nigeria wehrt sich – und schiebt den Schwarzen Peter der nigerianischen Regierung zu: „In Wahrheit sind wir doch nur eine Firma und keine Parallel-Regierung“, sagt er. Shells Einfluss auf die Regierung Nigerias habe seine Grenzen – und das sei auch gut so. „Denn Shell versteht sich als sozial engagiertes Unternehmen, als ‚Corporate Citizen'“, so der Pressesprecher.

Tatsächlich hat Shell sich schon vor langer Zeit an der Reinigung der Böden beteiligt und in den verseuchten Gebieten Schulen und Krankenhäuser gebaut. Ein Tropfen auf den heißen Stein, schimpfen die Bewohner. Und deswegen schlagen die Rebellen der MEND, der Befreiungsbewegung für das Nigerdelta, mit Sabotageakten und Entführungen von Ausländern zurück.

Bei den Bürgern kommt nichts an – außer giftigem Ölschlamm

Bewohner zeigen auf den Ölfilm in einem Flussarm des Niger-Deltas
Bewohner zeigen auf den Ölfilm in einem Flussarm des Nigerdeltas.

Rund 600 Milliarden US-Dollar sollen in Nigeria seit Beginn der Öl-Förderung vor 50 Jahren erwirtschaftet worden sein. Auch der US-amerikanische Journalist Peter Maass, der Nigerias Ölregion besucht und gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, sieht Shell und die anderen Ölfirmen als Teil der Ursünde im Delta. Dennoch dürfe man nicht nur allein auf sie mit dem Finger zeigen: Nigerias Elite verdiene ebenfalls. Und von diesem Reichtum komme nichts bei den Bürgern an – außer giftigem Ölschlamm. „In Nigeria ist nicht nur Shell das Problem, Nigerias Regierung ist noch ein viel größeres“, so Maass. Denn die Regierung sei nicht nur an Shell Nigeria zu mindestens 50 Prozent beteiligt, sondern auch an allen anderen Töchtern der Ölkonzerne, die im Delta operieren.

„Wenn diese Regierung wollte, dann könnte sie die Firmen zwingen, bei der Ölförderung entsprechende Umweltstandards einzuhalten. Und wenn diese Regierung eine bessere wäre, dann wäre auch Schluss mit dieser furchtbaren Korruption, die Millionen und Abermillionen Dollar verschlingt“, so die Einschätzung des US-Journalisten. Und vielleicht müsste dann auch Bauer Lucky Amobi nicht mehr jeden Tag den Ölschlamm von seinem Feld wegschaufeln, der nebenan aus der alten Pipeline ausläuft – direkt auf sein Gemüse.

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