Ein Lehrstück über Opportunismus

„Der Fall Dominique Strauss-Kahn ist ein Lehrstück“, sagt Sozialistensprecher Benoît Hamon, „er lehrt uns, zurückhaltend und besonnen zu reagieren, wenn wir etwas erfahren, was wir selbst nicht prüfen können.“

Der Mann hat Recht. Doch leider hört keiner auf ihn. Kaum ist in New York die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens in Zweifel gezogen, rufen Sozialisten und sogar Konservative, Strauss-Kahn solle sich um die sozialistische Präsidentschaftskandidatur bewerben. Doch das Verfahren wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung läuft noch – und niemand weiß, wie es ausgeht.

Strauss-Kahns Image ist in jedem Fall nachhaltig beschädigt

Wenn Strauss-Kahn wirklich versucht hat, das Zimmermädchen zu vergewaltigen, verbringt er den Rest seiner Tage im Knast. Doch auch wenn ihm eine Falle gestellt wurde, wenn der Sex einvernehmlich war und ihm die versuchte Vergewaltigung nur unterstellt wird, wäre er beschädigt. Am Rande der Ermittlungen wurde bekannt, dass er in Gegenwart junger Frauen oft nicht an sich halten konnte, dass er selbst vor Sex mit Abhängigen nicht zurückschreckte. Das wird den Wählern nicht gefallen, und Sozialistenchefin Martine Aubry weiß das.

Das ist das eigentliche Hindernis für eine Präsidentschaftskandidatur Strauss-Kahns und nicht, wie vorgeschützt, die wegen des Prozesses verpasste Bewerbungsfrist – die könnte man problemlos verlängern. So ist der Fall auch ein Lehrstück über politische Heuchelei auf Seiten der Sozialisten.

Heuchlerischer Reichtum-Vorwurf

Doch was die Konservativen bieten, ist noch härter. Sollte Strauss-Kahn tatsächlich antreten, will man ihm den Reichtum seiner Familie zum Vorwurf machen, ihn als Salon-Sozialisten verunglimpfen. Strauss-Kahn und seine Familie sind vermögend, doch sie haben sich das nie anmerken lassen. Für alle Welt sichtbar wurde der Reichtum erst, als die Strauss-Kahns in New York sechs Millionen Dollar Kaution hinterlegten.

Ihnen das nun zum Vorwurf zu machen, ist für sich genommen schon degoutant – falls sich dann noch herausstellen sollte, dass Strauss-Kahn unschuldig ist, wäre es nur noch zynisch. Der Fall Strauss-Kahn ist ein Lehrstück über den Politikstil im heutigen Frankreich.

Öffentlichkeit spielt in dem Stück tragende Rolle

Auch die Öffentlichkeit spielt mit in diesem Stück, sogar in einer tragenden Rolle. Als Mitte Mai ein unrasierter Dominique Strauss-Kahn in Handschellen vorgeführt wurde, regte sich allenthalben Mitleid. Das Wort Unschuldsvermutung war in aller Munde.

Doch je mehr private Details ans Licht kamen, desto mehr rückte man von Strauss-Kahn ab. Frankreichs Frauen machten Front gegen eine ganze Klasse machtversessener Männer, die ihre Libido nicht im Griff hätten, Frankreichs Medien fragten sich – demonstrativ selbstkritisch -, warum man in all den Jahren nicht genauer hingeschaut habe. Der Subtext lautete stets: Strauss-Kahn ist bestimmt auch nicht besser als all die anderen.

Und dann kam die Wende. Am Freitag wurde die Glaubwürdigkeit der Klägerin erschüttert. Und plötzlich haben alle schon immer gewusst, dass Strauss-Kahn unschuldig ist. Der Fall Dominique Strauss-Kahn ist nicht zuletzt ein Lehrstück über Opportunismus.

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