Eine Dirigentin für 187 Staaten

Brasilien und China wachsen zu schnell, die USA und Japan haben sich noch nicht erholt. Von Griechenland hofft sie, dass Staatsinteressen jetzt wichtiger seien als politische Rivalität: Die neue IWF-Chefin Lagarde versteht sich als Dirigentin von 187 Staaten.

Von Sabrina Fritz, SWR-Hörfunkstudio Washington

Mit Christine Lagarde zieht ein neuer Führungsstil in den Internationalen Währungsform (IWF) ein. Und den beschreibt sie so: „Ich bin offen aufgeschlossen, ermuntere Menschen und arbeite im Team.“

IWF-Chefin Christine Lagarde
Christine Lagarde bei ihrer ersten Pressekonferenz als IWF-Chefin.

Sie verstehe sich als Dirigentin – 187 Staaten müsse sie künftig dirigieren. Und die klingen noch recht unterschiedlich, so die neue IWF-Chefin. China und Brasilien wachsen zu schnell, dort droht die Gefahr von Inflation. Die USA oder Japan haben sich dagegen immer noch nicht ganz erholt – doch unterm Strich sei die Welt in einer besseren Verfassung als noch vor zwei Jahren.  

„Einige exzellente Reformen“ von Strauss-Kahn

Gleich an ihrem zweiten Arbeitstag stellte sich die 55-Jährige Französin den Fragen der Presse. Wie immer elegant, im schwarzen Kostüm mit buntem Seidenschal. Sie wich keiner Frage aus: Zum Verhalten der US-Justiz im Fall des zurückgetretenen IWF-Chefs Dominik Strauss-Kahn sagte sie, sie wolle die Rechtssysteme nicht vergleichen, aber: „Am Ende ist es die Wahrheit, die alle zum Ziel haben“, sagte sie. An die Adresse der Medien sagte sie noch: Die Unschuldsvermutung sei ein hohes Gut. Ausdrücklich lobte sie die Reformen, die der bullige Franzose eingeleitet hat: „Einige der Reformen waren exzellent“, so Lagarde.

Schulden und Arbeitslosigkeit Thema

Bei den Staaten, die den IWF um Geld bitten, solle nicht nur auf die Schulden geschaut werden, sondern auf andere Faktoren, wie die Zahl der Arbeitslosen. Damit war das Thema Griechenland auf dem Tisch: Am Freitag wolle der IWF entscheiden, ob die fünfte Rate ausgezahlt wird, so Lagarde. Sie hoffe, dass Regierung und Opposition zusammen die nötigen Entscheidungen treffen. Die Interessen des Staates seien jetzt wichtiger als politische Rivalität.

Porträt

Christine Lagarde
Die französische Finanzministerin Lagarde galt vielen von Anfang an als perfekte Kandidatin für den IWF-Chefposten – jetzt hat sie ihn: Sie ist erst seit 2005 in der Politik, arbeitet gern unkonventionell, sieht sich selbst als schnörkellos und überragt die meisten Kollegen im Kabinett.

„Sie wird den IWF anders führen“

Lagarde hat bei ihrer Vorstellung in Washington nicht viel Neues gesagt, aber dies sehr sympathisch. Auch die Beschäftigten sind sehr angetan von ihrer neuen Chefin, berichtet ihr Stellvertreter John Lipsky: „Sie ist anders als ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn und sie wird den IWF auch anders führen, das hat sie deutlich zum Ausdruck gebracht.“

Lagarde war schon mal als Schülerin in Washington auf einer High School. Auf die Frage, ob sie sich damals hätte vorstellen können, jemals wieder in solch einer wichtigen Position zurück zu kehren sagte sie „Nein“, aber: „An die Adresse aller jungen Mädchen, die jetzt noch zur Schule gehen: Bedenkt, nichts ist unmöglich.“

Internationaler Währungsfonds

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist eine der mächtigsten Finanzorganisationen der Welt. Er wurde 1944 mit der Weltbank als Sonderorganisation der UNO in Bretton Woods gegründet. Sitz ist Washington. Jeden Herbst treffen sich die Finanzminister und Notenbankchefs der Mitgliedsländer zur Jahrestagung. Wichtigste Aufgabe des Fonds ist es, die weltweiten Finanzsysteme zu überwachen, um bei vorübergehenden Zahlungsbilanzproblemen von Regierungen oder bei drohendem Staatsbankrott einzugreifen. Der IWF hat 187 Mitgliedsländer, deren Kapitaleinlagen (Quoten) sich nach der Stärke ihrer Volkswirtschaft und den Währungsreserven richten. Die Quote bestimmt auch das Mitspracherecht.

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