Selbst Kinder und Terroropfer wurden abgehört

Dass das Boulevardblatt „News of the World“ jahrelang systematisch Handys von Prominenten abhörte, damit haben sich die Briten längst abgefunden. Dass aber vor entführten Kindern oder Terroropfern nicht halt gemacht wurde, gibt dem Skandal eine ganz neue Dimension.

Von Stephan Lochner, ARD-Hörfunkstudio London

Der Abhörskandal rund um die „News of the World“, die Sonntagsschwester der Boulevardzeitung „The Sun“, ist längst zum Politikum geworden. Die Handy-Hacker aus dem Hause Murdoch waren Thema einer langen Sonderdebatte im Unterhaus. Führende Köpfe aller Fraktionen sind empört, dass Reporter nicht nur die Handys von Prominenten abgehört haben – sondern auch die Mailbox eines Mädchens, das 2002 entführt und später tot aufgefunden wurde.

„Es ist abscheulich“

David Cameron
Schockiert über den Abhör-Skandal: Premier Cameron

Der britische Premier David Cameron nannte die Enthüllungen schockierend: „Wir reden hier nicht mehr nur über Politiker und Prominente, wir reden hier über Mordopfer und möglicherweise Terroropfer, deren Handys gehackt wurden. Es ist abscheulich, was hier vorgefallen ist. Alle in diesem Haus und im ganzen Land sind angewidert von dem, was sie in den vergangenen Tagen gehört und im Fernsehen gesehen haben.“

Tatsächlich ist die britische Öffentlichkeit seit Anfang der Woche extrem aufgebracht. Dass Murdoch-Reporter jahrelang systematisch Handys und Mailboxen abgehört haben, um an knackige Geschichten zu kommen, ist lange bekannt. Und die meisten Briten haben es mehr oder minder gleichgültig hingenommen. Schließlich hatte es den Anschein, als seien vor allem Personen des öffentlichen Lebens betroffen gewesen.

Sendungsbild
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  • Abhörskandal bei britischem Boulevardblatt „News of the World“
  • Länge: 0:02:10
  • Datum: 2011-07-07T00:54:00.000+02:00

Nicht einmal vor entführten Kindern halt gemacht

Doch die jüngsten Enthüllungen geben der Affäre eine ganz neue Dimension. Die Reporter haben offenkundig nicht einmal vor entführten Kindern halt gemacht. Zudem haben sie angeblich sogar Angehörige von Opfern der Londoner Terroranschläge vom 7. Juli 2005 abgehört. Interne E-Mails belegen, dass „News of the World“-Reporter Polizeibeamte bezahlt haben, um an Telefonnummern und die Zugangsnummern von Handy-Mailboxen zu gelangen.

Der britische Schauspieler Hugh Grant (Foto vom 08.04.2010)
Prominentes Opfer im Abhörskandal: Schauspieler Hugh Grant soll in den Zeugenstand gerufen werden.

Premier Cameron hat eine unabhängige Untersuchung des Skandals angekündigt. Allerdings will er warten, bis die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen hat – was Jahre dauern könnte.

Ed Miliband, Chef der oppositionellen Labour-Partei, geht das nicht schnell genug. Er fordert sofortige Aufklärung: „Der Premier sollte umgehend eine hochrangige Persönlichkeit, möglicherweise einen Richter ernennen, um diese Untersuchung zu leiten. Er sollte sicherstellen, dass die Kommission die Macht hat, Zeugen unter Eid zu vernehmen. Und er sollte klare Zielvorgaben machen, damit die Schlüsselfragen geklärt werden. Dazu gehören Kultur und Praktiken des Mediengewerbes und das Verhältnis zwischen der Polizei und den Medien!“

Milliarden-Deal gefährdet

Der unappetitliche Skandal rund um sein Revolverblatt „News of the World“ könnte Medienmodul Rupert Murdoch teuer zu stehen kommen. Murdoch bemüht sich zurzeit darum, den britischen Satellitensender BSkyB zu übernehmen – der geplante Milliarden-Deal hat für ihn große strategische Bedeutung.

Rupert Murdoch
Medienmogul Murdoch könnte der Skandal teuer zu stehen kommen.

Von der britischen Regierung heißt es offiziell zwar, die Abhöraffäre werde die Entscheidung für oder gegen die Übernahmeerlaubnis nicht beeinflussen. Doch Fachleute wie der BBC-Wirtschaftsexperte Robert Peston sind sicher, dass die den Deal gefährdet: „Die Medienaufsichtsbehörde Ofcom hat die gesetzliche Pflicht, zu überprüfen, ob der Eigentümer eines Rundfunkunternehmens passend und geeignet ist. Die Behörde wird nun die Untersuchung der Affäre abwarten müssen, ob das Unternehmen News Corporation geeignet ist. Das alles bedeutet neue Risiken für den Versuch Murdochs, BSkyB zu kaufen. Die Übernahme wird sich sicher verzögern, vielleicht platzt sie am Ende sogar ganz.“

Anzeigen aus Protest gekündigt

So oder so bedeutet der Schnüffelskandal für Murdoch einen beträchtlichen Schaden: Zahlreiche Anzeigenkunden wie Ford und T-Mobile haben nach den neuesten Enthüllungen erklärt, dass sie bis auf weiteres nicht mehr in der „News of the World“ inserieren wollen.

Original, Google Cache, archive.org

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