Selbst der Jangtse ist nicht mehr zu finden

Erst ist der frühere Staats- und Parteichef Jiang Zemin nicht zu den großen Feierlichkeiten der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) am 1. Juli erschienen, jetzt sind Suchanfragen zu seinem Namen sowie nach Begriffen wie „Herzinfarkt“ oder „Beileid“ auf der populären chinesischen Mikroblogseite Weibo blockiert. Genug Nahrung für Spekulationen, dass der 84-Jährige, der von 1993 bis 2003 Staatspräsident der Volksrepublik China war, gestorben ist.

Jiang Zemin
Chinas früherer Staats- und Parteichef Jiang Zemin im April 2002

Am Abend berichtete der Hongkonger Fernsehsender ATV vom Tod Jiangs, später strich ATV jedoch die weitere bereits angekündigte Berichterstattung. Die japanische Tageszeitung „Sankei Shimbun“ meldete heute unter Berufung auf „eine mit den japanisch-chinesischen Beziehungen vertraute Quelle“, dass Jiang in Peking gestorben sei.

Doch die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua wies alle Berichte über den Tod Jiangs als „pure Gerüchte“ zurück. An den Informationen sei nichts dran, meldete die Agentur, unter Berufung auf „sichere Quellen“.

Selbst die Suche nach „Fluss“ im Internet zensiert

Versuche, mehr herauszufinden, scheitern in China: Da sein Nachname Jiang mit „Fluss“ übersetzt wird, war im Internet selbst der Jangtse-Strom, der auf Chinesisch „Changjiang“ (Langer Fluss) heißt, zumindest zeitweise nicht mehr zu finden: „Entsprechend betreffender Gesetze, Vorschriften und Politik können die Ergebnisse dieser Suche nicht dargestellt werden“, hieß es dann. Seitenweise wurden Kommentare von Nutzern über die Gerüchte gelöscht.

Im Netz entwickelt sich der mögliche Tod Jiangs zum meist-diskutierten Thema, über das aber nicht gesprochen werden darf. Mehr als 140 Millionen Chinesen nutzen heutzutage Twitter-artige Kurznachrichten als Mittel der Kommunikation – und viele suchen nach Wegen, sich über Jiang auszutauschen. Um die Zensur zu umgehen, werden Begriffe wie „Onkel Jiang“, „über-unabhängiger Gebieter hinter den Kulissen“ und „früherer Kaiser“ in der Webdebatte benutzt. „Der Tod von Onkel Jiang wird komplett blockiert. Was für eine Gesellschaft ist das?“, fragt ein Mikroblogger auf Weibo.

Dass die chinesische Regierung die Bevölkerung über den Gesundheitszustand des Politikers im Dunkeln lässt, ist allerdings nichts besonderes – China zensiert regelmäßig Online-Inhalte, die es für politisch sensibel hält. Dazu gehört auch die Gesundheit von Spitzenpolitikern, welche als Staatsgeheimnis angesehen wird.

Nach Herzinfarkt auf Intensivstation?

Das Fehlen Jiangs bei den Feierlichkeiten zum 90. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas war allerdings besonders auffällig, weil andere ranghohe Politiker wie die früheren Ministerpräsidenten Li Peng und Zhu Rongji an den Feiern teilnahmen.

Jiang Zemin mit Nachfolger Hu Jintao
Jiang Zemin mit Nachfolger Hu Jintao (rechts) im März 2003

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge ist der Gesundheitszustand Jiangs sehr schlecht. Die Agentur beruft sich auf drei Quellen, wonach er einen Herzinfarkt gehabt haben soll und sich nun auf der Intensivstation eines Militärkrankenhauses in Peking befinde.

Jiang war 1993 Nachfolger des Staatspräsidenten Yang Shankun geworden. Von da an verfügte er als Partei- und Staatschef sowie Oberbefehlshaber der Streitkräfte über eine Machtfülle, wie sie zuvor nur Mao Zedong (1893-1976) kannte. Nach dem Tod Deng Xiaopings am 19. Februar 1997 brachte er den Reformprozess und die Versöhnung mit den Studenten in Gang, allerdings beschränkte er die Presselandschaft weitreichend.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.