Tag der Abrechnung auf dem Tahrir-Platz

Die Jugendbewegung und die Muslimbruderschaft haben für heute zu Großprotesten in Ägypten aufgerufen. „Freitag der Abrechnung“ lautet ihr Slogan. Ihr Vorwurf: Die Militärregierung tue zu wenig, um diejenigen vor Gericht zu bringen, die auf Demonstranten geschossen haben.

Von Bettina Marx, Deutsche Welle, Kairo

In Kairo wird wieder demonstriert. Seit Tagen gibt es kleine Märsche, Sit-ins und Kundgebungen gegen Militärregierung und Justiz. In der Stadt Suez kam es sogar zu Ausschreitungen, als mehrere Polizeioffiziere aus der Haft entlassen wurden, die für den Tod von Demonstranten verantwortlich sein sollen.

Proteste in Suez
Suez: Proteste gegen die Freilassung von Polizeioffizieren aus der Haft

Für den heutigen Freitag sind überall im Land Proteste geplant. In Kairo werden die Demonstranten wieder zum Tahrir-Platz ziehen. Die Organisatoren hoffen auf eine Million Teilnehmer. Aktivistin Hala Shukrallah erklärt, sie gingen wieder auf die Straße, weil nichts vorangehe: „Die Menschen sind wirklich verärgert. Sie verstehen nicht, warum es so lange dauert, bis die Leute, die Demonstranten angegriffen haben, vor Gericht gebracht und verurteilt werden. Wir hatten mehr als 1000 Tote und die meisten sind in den Kopf geschossen worden. Es gab also einen Befehl, zu schießen.“

„Wir wissen, dass die Regierung überhaupt keine Macht hat“

Die militärische Führung tue zu wenig, um die Vorgänge aufzuklären und die Schuldigen vor Gericht zu bringen, sagt Shukrallah, die Direktorin des „Center for Development Support“ in Kairo ist. Außerdem behindere der Militärrat die Übergangsregierung an der Ausübung ihres Amtes: „Wir wissen sehr gut, dass die Regierung überhaupt keine Macht hat. Der Ministerpräsident sagte, dass er versuchte, sieben Minister auszuwechseln, aber der Militärrat hat das verhindert. Jetzt müssen wir Druck auszuüben, damit diese Regierung Macht bekommt, um die Dinge voranzubringen.“

Eine gewählte Regierung wünscht sich die politische Aktivistin dennoch nicht so schnell. Die für September anberaumten Wahlen sollten besser verschoben werden. Wichtiger sei, dass Ägypten nun rasch eine neue Verfassung bekomme.

Rückhalt für Demonstranten nimmt ab


Seit Tagen gibt es wieder Proteste: Dieser Mann trägt ein Plakat mit der Aufschrift „Ägyptische Revolution – Teil 2“

Shukrallah ist gerade aus Deutschland zurückgekehrt. Dort hatte sie in Gesprächen mit Politikern und der Öffentlichkeit über die Lage in ihrem Land berichtet. Sie ist besorgt, denn der Rückhalt für die Demonstranten in der Bevölkerung nimmt ab. Zu oft kam es in letzter Zeit zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Schlägern.

Bei den Angreifern handele es sich vermutlich um verdeckt agierende Angehörige der Sicherheitskräfte oder um von ihnen beauftragte Kriminelle, vermutet Shukrallah. Sie sollen so lange Unruhe stiften, bis die Menschen die Wiederherstellung der alten Ordnung fordern. „Wir müssen klar machen, was die Unterschiede sind zwischen den Kriminellen und den Revolutionären, was die Forderungen sind und wie wir uns organisieren können. Wir müssen sicherstellen, dass diese Revolution nicht umsonst war.“

Am Tag vor der Großdemo herrscht in Shukrallas Büro gespannte Unruhe. Die Mitarbeiter des „Center for Development Support“ entwickeln hier Strategien zur Schaffung einer Zivilgesellschaft in Ägypten. Demonstrationen und Proteste gehören selbstverständlich dazu. Darum werden sie an der Kundgebung auf dem Tahrir-Platz teilnehmen.

Original, Google Cache, archive.org

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