Libysche Rebellen rücken auf Tripolis vor

Es ist ein blutiger Bürgerkrieg mit vielen Fronten: In Libyen toben schwere Gefechte zwischen den Aufständischen und den Truppen von Machthaber Gaddafi. Doch trotz deutlicher Verluste können die Rebellen weiter Boden gut machen und rücken nun auf die Hauptstadt Tripolis vor.

Von Peter Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Sie haben Angst in den Augen, wissen nicht was mit ihnen passieren wird. Sie sitzen auf der Ladefläche eines Pickups, irgendwo in einer Stellung der Rebellen, südlich von Tripolis. Gefangen genommene Söldner, die offenbar in einer von Muammar al Gaddafis Einheiten gekämpft haben. Sie sind den Rebellen, bei sechsstündigen Gefechten um das strategisch wichtige Dorf Al Qawalish, in die Hände gefallen.

Die vier jungen Männer, scheinbar aus Zentralafrika, werden von einem Kommandeur der Aufständischen befragt: „Wo kommst du her?“, will er wissen. „Aus dem Sudan“ antwortet einer der Männer, ein anderer gibt an, aus Ghana zu kommen. Ein weiterer sagt, er stamme aus Mali.

„Wir werden sie anklagen – bei Gott“

Panzer der libyschen Aufständischen
Die Auständischen rücken sowohl von Osten, als auch von Süden auf Tripolis vor (Archiv).

Was den Gefangenen blüht, lässt sich nur erahnen: Es werde ein Tribunal geben, sagt der Anführer der Kämpfer: „Das sind Männer, die in Al Qawalish festgenommen wurden, sie kommen aus Mali und aus Ghana. Es wird ein Militärgericht geben, wir werden sie anklagen – bei Gott – zwischen ihnen und uns wird es eine Gerichtsverhandlung geben.“  

Schwer bewacht fährt der Pickup mit den gefangenen Söldnern los, ihre Zukunft ist ungewiss. Sechs Stunden haben die Rebellen gestern um das strategisch wichtige Dorf Al Qawalish gekämpft, das in der Nähe der Autobahn liegt, die direkt in die Hauptstadt Tripolis führt.

Welche Rolle spielt die NATO?

Die NATO habe sich nicht in die Kämpfe eingemischt, berichten die Aufständischen. Man hätte nur per Aufklärungsflüge die Gefechte am Boden verfolgt, hieß es aus NATO-Kreisen. In arabischen Fernsehsender werden immer wieder Bilder gezeigt, wie Rebellentrupps mit selbstgebastelten Granatwerfern libysche Soldaten beschießen – irgendwo südwestlich von Tripolis.

Dossier

Unruhen in Libyen
Gaddafi beherrscht Libyen seit Jahrzehnten. Lange galt er als Pate des internationalen Terrorismus, später wurde er zum hofierten Partner des Westens. Aber hinter seinem oft skurrilen Auftreten steckt ein brutales System. Dies bröckelt nun. Hintergründe und Reportagen im tagesschau.de-Dossier.

Unterdessen kommt heftige Kritik von der libyschen Regierung: Der stellvertretende Außenminister Chaled Kaim bezichtigte die NATO der militärischen Unterstützung der Rebellen: „Das Ziel dieser Angriffe ist, den Rebellen dabei zu helfen, vorzustoßen“, sagte er vor internationalen Journalisten. „Aber ich versichere Ihnen, es wird weiter ein Misserfolg für sie sein.“ Kolumbianische Söldner hätten sich den Rebellen angeschlossen, zitierte die Nachrichtenagentur AP Kaim weiter. Man habe Beweise, die man bald der internationalen Presse vorgelegen würde.

Vorrücken auf militärisches Bollwerk Gaddafis

Libysche Rebellen in Bengasi
Während in vielen Teilen des Landes schwere Gefechte toben, feiern die Menschen in der Rebellenhochburg Bengasi ihre Freiheit.

Das Ziel der Rebellen im Südwesten Libyens scheint die Garnisonsstadt Ghariyan zu sein, offenbar das letzte militärische Bollwerk Gaddafis. Fällt die Stadt in Hände der Aufständischen ist der Weg über die Autobahn frei nach Tripolis. Auch bei Misrata, östlich der Hauptstadt, gibt es nach wie vor heftige Gefechte um jeden Meter Boden.

Gestern sollen von libyschen Einheiten bis zu 500 Raketen auf Rebellenstellungen nahe der Stadt Slitan abgefeuert worden sein. Nach Angaben eines Arztes wurden 18 Kämpfer der Aufständischen getötet, auch zwei Zivilisten sollen ums Leben gekommen sein, darunter ein zwölfjähriges Mädchen.

Original, Google Cache, archive.org

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