Die Stimme aus dem See

Dorfbewohner und Wasservögel haben sich längst daran gewöhnt. An den langgezogenen Ruf aus der Mitte des Stausees. Mehrmals täglich schallt er im Dorf Karşı in der Türkei über das Wasser. Besucher trauen ihren Ohren nicht.

von Steffen Wurzel, ARD Hörfunkstudio Istanbul

Fünfmal am Tag ertönt der Gebetsruf von der Spitze des Minaretts, also vom Turm der Moschee aus. In der Türkei nichts Ungewöhnliches. Besucher des Dorfes Karşı ganz im Nordosten der Türkei reiben sich allerdings die Augen und Ohren, wenn sie dort den Gebetsruf hören.

Denn das Minarett der Dorf-Moschee von Karşı steht mitten im Wasser, in einem Stausee. Als der See Ende der 1990-er Jahre fertiggestellt wurde und der Wasserspiegel stieg, verschwand ein Teil des Dorfes im See.

Trauriger Anblick

Von der Moschee ragt nur noch die Spitze des Minaretts aus dem Wasser. Der zuständige Muezzin fand den Anblick traurig: „Das tat mir im Herzen weh, deswegen wollte ich, dass von dort aus wenigstens auch der Gebetsruf ertönt.“

Ganzer Einsatz

Das einsame Minarett ist per Lautsprecherkabel quer durch den See ans Festland angebunden. Der Gebetsruf ertönt also quasi ferngesteuert. Weil aber regelmäßig der Strom ausfällt, muss der Muezzin auch immer mal wieder selbst zum Minarett auf den See rausfahren.

Er setzt sich also in ein klappriges Boot mit rostigem Außenbordmotor und tuckert zum Turm. Dort klettert er mit einer Strickleiter zur Spitze hinauf und ruft von dort aus quer über den Stausee. Wenn der Strom ausbleibt, auch fünfmal am Tag.

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