Wurden auch Terroropfer abgehört?

Der Abhörskandal zieht immer größere Kreise: Offenbar wurden auch die Angehörige von gefallenen Soldaten und Opfer der Londoner U-Bahn-Anschläge abgehört. Premierminister Cameron bezeichnete das Vorgehen der Zeitung „News of the World“ als abscheulich und versprach Aufklärung.

Von Torsten Huhn, NDR-Hörfunkstudio London

Der Abhörskandal um die britische Boulevard-Zeitung „News of the World“ weitet sich aus. Nun gibt es Berichte, wonach möglicherweise auch die Angehörigen von gefallenen Soldaten abgehört wurden, die im Krieg im Irak oder in Afghanistan getötet wurden. Der Privatdetektiv, der im Auftrag der Zeitung handelte, verfügte über die persönlichen Daten von einigen Angehörigen.

Nun war bekannt geworden, dass er sich auch in die Mobilbox eines entführten und später ermordeten 13-jährigen Mädchens einhackte und dort sogar Nachrichten löschte. Auch Angehörige der Opfer der Londoner U-Bahnanschläge von 2005 sind von der Abhöraktion betroffen.

„Das ist abscheulich“

Das Thema erregt in Großbritannien die Gemüter. Alle großen Zeitungen beschäftigen sich mit diesem Thema. Premierminister David Cameron zeigte sich im Parlament entsetzt über die Vorgänge. „Es geht um die Angehörigen von Mord- und Terroropfern, deren Mobiltelefone angezapft wurden. Was passiert ist, ist absolut abscheulich. Jeder in diesem Land ist empört über das, was er gehört und im Fernsehen gesehen hat“, empörte sich Cameron.

Cameron kündigt gründliche Aufklärung an

Der Labour-Politiker Chris Bryant kritisierte in der BBC die Praktiken der „News of the World“, einer Boulevardzeitung mit Millionenauflage, die sonntags erscheint und zum Verlag News International des Medienmoguls Rupert Murdoch gehört. „Es war ganz normal bei dieser Zeitung, immer wenn es eine große Geschichte gab, die für Schlagzeilen sorgte, wollten sie auch etwas zu diesem Thema machen. Dann haben sie private Ermittler beauftragt und denen gesagt: seht, was ihr kriegen könnt.“

David Cameron
Schockiert über den Abhör-Skandal: Premier Cameron

Und so kam es wohl zu den Abhöraktionen. Premier Cameron kündigte an, dass die Vorfälle gründlich aufgeklärt werden. „Eine umfangreiche polizeiliche Untersuchung hat begonnen. Es ist eine der größten Untersuchungen, die derzeit in unserem Land laufen. Und es sind keine Polizeibeamte daran beteiligt, die die ursprüngliche Untersuchung durchgeführt haben, bei der die Wahrheit offensichtlich nicht herausgefunden wurde“, versicherte Cameron.

Geldzahlungen an die Polizei?

Vor einigen Jahren gab es bereits eine Untersuchung zum Abhörskandal – doch warum wurde das volle Ausmaß des Skandals nicht herausgefunden? Auch das ist eine der ungeklärten Fragen. Möglicherweise haben dabei Geldzahlungen der „News of the World“ an die Polizei eine Rolle gespielt.

Geklärt werden muss auch die Frage der Verantwortlichkeit. Labour-Politiker verlangen den Rücktritt von Rebekah Brooks, die zum Zeitpunkt der Vorgänge Chefredakteurin von „News of the World“ war – heute ist sie Verlagsleiterin von Murdochs Konzern in Großbritannien – und überdies eine enge Freundin des Premierministers.

Für Murdoch, der die Vorwürfe als bedauerlich bezeichnet hat, kommt der Skandal zu einem schlechten Zeitpunkt. Er wartet nämlich darauf, dass er die Mehrheit des britischen Fernsehsenders BSkyB übernehmen kann – die konservative Regierung wollte dieser Übernahme, trotz starker Proteste anderer Medien und der Opposition, zustimmen. Das könnte nun schwerer werden, weil dieser Schritt nach den jüngsten Vorgängen in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würde.

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