Schmutziges Ende einer Boulevardzeitung

Das Medienimperium News Corp zieht Konsequenzen auf dem ausufernden Abhörskandal beim Boulevardblatt „News of the World“: Nach 168 Jahren stellt der Konzern von Medienmogul Rupert Murdoch das Blatt nach eigenen Angaben ein, am Sonntag soll die letzte Ausgabe erscheinen.

Sollten die derzeitigen Vorwürfe wahr sein, handele es sich um ein unmenschliches Verhalten der Journalisten, für die es keinen Platz mehr im Unternehmen gebe, begründetet der Konzern die Entscheidung. Der zuständige britische Verlag News International erklärte, die Einnahmen aus der am Sonntag verkauften Ausgabe würden einem wohltätigen Zweck gespendet. Zudem würden keine Anzeigen geschaltet.

200 Journalisten verlieren ihren Arbeitgeber

Von der Schließung sind etwa 200 Journalisten betroffen, von denen sich viele schockiert zeigten. Die Beschäftigten könnten sich um andere Stellen im Medienkonzern News International bewerben, zu dem die Zeitung gehört, sagte dessen Sprecherin Daisy Dunlop in London.

Premierminister David Cameron kündigte an, dass die Untersuchungen unabhängig von der Schließung der Zeitung fortgeführt werden sollen. Es müsse sichergestellt werden, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholen könne, betonte ein Sprecher Camerons.

Auch Angehörige getöteter Soldaten abgehört?


Jahrelanges Abhören mit System – der Skandal bei der britischen Boulevardzeitung hatte sich massiv ausgeweitet.

Der Abhörskandal bei dem Blatt hatte sich zuletzt massiv ausgeweitet: So gab es Berichte, wonach möglicherweise auch die Angehörigen von gefallenen Soldaten abgehört wurden, die im Krieg im Irak oder in Afghanistan getötet wurden. Ein Privatdetektiv, der im Auftrag der Zeitung handelte, verfügte über die persönlichen Daten von einigen Angehörigen.

Zudem war bekannt geworden, dass er sich auch in die Mobilbox eines entführten und später ermordeten 13-jährigen Mädchens einhackte und dort sogar Nachrichten löschte. Auch Angehörige der Opfer der Londoner U-Bahnanschläge von 2005 waren von der Abhöraktion betroffen. Scotland Yard zufolge könnten die Telefone von bis zu 4000 Menschen angezapft worden sein.

Sollten die Vorwürfe wahr sein, hätten sich die Journalisten „unmenschlich“ verhalten, erklärte der Präsident des britischen Ablegers von Murdochs Mediengruppe News Corp, James Murdoch. „Zum Geschäft der News of the World gehört, andere zur Rechenschaft zu ziehen. Aber als es um sie selbst ging, ist sie gescheitert“, erklärte der Sohn von Rupert Murdoch.

Übernahmepläne gefährdet

Medienunternehmer Rupert Murdoch
Muss nun um eine geplante Übernahme bangen: Medienmogul Rupert Murdoch (Archiv)

Für Murdoch, der die Vorwürfe als bedauerlich bezeichnet hat, kommt der Skandal zu einem schlechten Zeitpunkt. Er wartet nämlich darauf, dass er die Mehrheit des britischen Fernsehsenders BSkyB übernehmen kann – die konservative Regierung wollte dieser Übernahme, trotz starker Proteste anderer Medien und der Opposition, zustimmen. Das könnte nun schwerer werden, weil dieser Schritt nach den jüngsten Vorgängen in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würde.

Die Affäre beschäftigt Großbritannien seit Jahren. Im Jahr 2007 waren bereits ein Journalist und ein Privatermittler der Zeitung dafür verurteilt worden, die Telefone von Prominenten und Mitgliedern des Königshauses angezapft zu haben. Die neuen Vorwürfe in den vergangenen Tagen hatten einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Zahlreiche große Anzeigenkunden wie die Supermarktkette Sainsbury’s, das Mobilfunkunternehmen O2 oder der Autokonzern Ford kündigten der „News of the World“ die Zusammenarbeit auf.

Original, Google Cache, archive.org

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