PID ist und bleibt eine Frage des Gewissens

Dürfen befruchtete Eizellen vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter auf bestimmte Krankheiten untersucht werden? Und wenn ja, in welchen Fällen? Bei der Präimplantationsdiagnostik treffen kontroverse Meinungen aufeinander. Deshalb soll heute im Bundestag frei nach dem Gewissen entschieden werden.

Von Stanislaus Kossakowski, BR, ARD-Haupstadtstudio

Das Thema Präimplantationsdiagnostik ist schwierig, medizinisch komplex und ethisch hoch brisant. Es geht dabei um Grundfragen des Lebens und des Lebensschutzes. In der öffentlichen Debatte liegen die Meinungen weit auseinander. Das gilt aber auch innerhalb der Bundestagsfraktionen, die das Abstimmungsverhalten für ihre Mitglieder freigegeben haben. Es sind also alle Parlamentarier auf ihre eigene Meinung und ihre eigene Gewissensentscheidung gestellt. Doch wie findet man die?

Angelika Graf, SPD-Politikerin und unter anderem Mitglied in den Bundestagsausschüssen für Familie und Gesundheit, findet es schwer, zu einer Entscheidung zu kommen. Sie sagt: Je intensiver sie sich mit der PID-Frage auseinandersetzt, umso mehr Druck entsteht auch. „Der ist immens, weil man natürlich mit einer solchen Entscheidung auch die Lebenssituation von vielen Menschen ganz massiv beeinflusst. Und es ist vor allen Dingen eine Entscheidung, die man nicht mehr so wirklich rückgängig machen kann.“

„Leben, das bestimmten Kriterien entspricht“

Unter dem Mikroskop werden Spermien in Eizellen injiziert.
Ab wann beginnt menschliches Leben?

Andere Politiker befassen sich nicht zum ersten Mal mit der Präimplantationsdiagnostik. Trotzdem ziehen sie nicht ihre schon fertige Meinung aus der Schublade. Ulla Schmidt, langjährige Bundesgesundheitsministerin, hat nach zehnjähriger Beschäftigung mit dem Thema und vielen Gesprächen ihre Meinung inzwischen geändert: „Viele Diskussionen, die ich geführt habe, vor allem mit Eltern der Lebenshilfe, haben mir gezeigt: Wenn der Bundestag etwas entscheidet, muss er einen Katalog erstellen und sagen, in welchen Fällen man Leben absterben lassen darf. Dann kann sich aber auch nur Leben weiterentwickeln, wenn es auch bestimmten Kriterien entspricht. Und dadurch fühlen sich auch viele diskriminiert.“

Die SPD-Politikerin ist deshalb für ein Verbot der PID, ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihre Partei ist die einzige im Bundestag vertretene Partei, die über die Präimplantationsdiagnostik einen Parteitagsbeschluss herbeigeführt hat. Bei dem Treffen im Herbst letzten Jahres gab es eine Mehrheit für Merkels Position.

Auch Unionsabgeordnete wollen für die PID stimmen

Peter Hintze
Der Theologe und Ex-Pfarrer Peter Hintze stellt sich gegen die Meinung der Kirche.

Trotzdem wollen bei der Abstimmung im Bundestag etliche Unionsabgeordnete anders abstimmen – nämlich für die eingeschränkte Zulassung der PID. Darunter ist auch der Ex-Generalsekretär Peter Hintze mit seiner eigenen Interpretation, wann ein Mensch wirklich ein Mensch ist: „Menschliches Leben beginnt für mich mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Damit beginnt für mich aber nicht der Mensch. Ich kann nur von einem Menschen sprechen, wenn sich dieses menschliche Leben in die Gebärmutter einnistet und dann dieser natürliche Prozess auch zur Geburt führt.“

Eine These, mit der sich der Theologe und Ex-Pfarrer Hintze gegen die Auffassung der Kirchen stellt. Der Parlamentarier beruft sich jedoch auf mehrere Moraltheologen und Ethik-Wissenschaftler. Und nicht zuletzt auf die Paare, die an ihrem unerfüllten Kinderwunsch schwer leiden und deshalb auf das strapaziöse Verfahren der PID ihre letzte Hoffnung setzen.

Wichtige Gespräche mit Betroffenen

Ausschlaggebend für die eigene Meinungsbildung war das Gespräch mit Betroffenen auch für die CDU-Politikerinnen Katherina Reiche und Kristina Schröder. So betont Reiche: „Es heißt, manche wollten über Leben entscheiden – nein, ich möchte Paaren in schweren Konflikten helfen.“ Und ihre Parteikollegin Schröder ergänzt: „Wenn man sieht, was dieser Kinderwunsch für die Paare bedeutet, dann sieht man, dass es ein existentieller Wunsch dieser Paare ist. Sie werden nicht auf ein Kind verzichten!“

Sendungsbild
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  • Ursula von der Leyen (CDU) vor der Abstimmung zur PID im Gespräch
  • Länge: 0:04:14
  • Datum: 2011-07-07T08:58:00.000+02:00

Dass man mit vielen, unterschiedlichen Gruppen diskutiert, ist wichtig für das Gesamtbild, sagt Gerda Hasselfeldt von der CSU. Auch sie, die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin, habe das bei ihrer Entscheidungsfindung so gemacht: Sie habe mit Verbänden, Ärzten und Kirchen geredet. Am Ende ging Hasselfeldt mit all den Informationen in sich: „Es waren viele Einflüsse, die für meine Entscheidung eine Rolle gespielt haben, aber letztlich war es das Hineinhören in mich selbst.“ Und dabei kam für die CSU-Politikerin heraus, dass sie bei allem Verständnis für die Nöte kinderloser Paare für ein Verbot der PID ist.

Hintergrund

Präimplantationsdiagnostik – worum geht es?
Nachdem der Bundesgerichtshof das Verbot der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland für unzulässig erklärt hat, streiten die Parteien: Sollen Gentests an künstlich erzeugten Embryonen erlaubt sein oder nicht? tagesschau.de erklärt das Verfahren und die Argumente der Gegner und Befürworter.

Lebenserfahrung spielt eine große Rolle

Auch Angelika Graf will sich vor ihrer Entscheidung noch ins „stille Kämmerlein“ zurückziehen. Die SPD-Abgeordnete bedauert zugleich, dass Politiker es äußerst schwer hätten, dafür die nötige Zeit zu finden. Nach Angaben des Bundestags haben sich eine Woche vor der Abstimmung mehr als 170 von über 600 Parlamentarier noch nicht zu einem der drei vorliegenden Gesetzesanträge bekannt.

Doch selbst, wer sich bereits in die Unterstützerliste für ein Verbot, eine eingeschränkte Zulassung oder eine stark eingeschränkte Freigabe der PID eingetragen hat, muss sich darin in der Stunde der Abstimmung nicht halten. Graf ist der Ansicht, dass bei einer Gewissenentscheidung wie dieser letztlich die geistige Herkunft jedes einzelnen Abgeordneten prägend ist für seine Meinung: Es hat viel damit zu tun, wo man selbst herkommt – womit man sich im Laufe seines Lebens beschäftigt hat. Die Lebenserfahrung spielt einfach eine große Rolle.“

Ethikrat spielt eine untergeordnete Rolle

Eine eher geringe Entscheidungshilfe scheint übrigens das in der PID-Frage politisch bedeutendste Beratungsgremium, der „Deutsche Ethikrat“ zu sein. Als der Rat nach monatelangen Gesprächen im Frühjahr seinen Bericht vorlegte, zeigten sich mehrere Parlamentarier enttäuscht. Sie beklagten, dass der Rat zu keiner einheitlichen Meinung gefunden habe und stellten offen die Frage, wozu der Ethikrat dann überhaupt gebraucht werde. Das so kritisierte Gremium stellte jedoch klar: Die Grundsatz-Entscheidung zur Präimplantationsdiagnostik liege nicht beim Ethikrat, sondern bei den Abgeordneten selbst.

Pro & Contra

Menschlich oder unmenschlich?
Die Diagnostik im Reagenzglas schafft mehr Probleme als sie löst, meint Jörg Vins von der SWR-Kirchenredaktion. Ulrike Till von der SWR-Wissenschaftsredaktion hält dagegen ein striktes PID-Verbot für unmenschlich: In engen Grenzen erlaubt, könne die PID viel Leid ersparen.

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