Eine Debatte mit ernsten und persönlichen Tönen

Am Ende fiel die Abstimmung deutlich aus. Schon im ersten Wahlgang bekamen die Befürworter der PID mehr Stimmen als die Anhänger der beiden anderen Anträge zusammen. Das hatte sich während der Debatte nicht unbedingt abgezeichnet.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Bis zuletzt hatten die Gegner der PID versucht, die vielen unentschiedenen Abgeordneten zu überzeugen: „Die PID verhindert möglicherweise in einzelnen Fällen Leid, aber sie verhindert in jedem Fall das Lebensrecht von gezeugtem, menschlichen Leben. Wir sollten das nicht tun.“ Die Mahnung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse war erfolglos.

Die Argumente der Befürworter wie dem CDU-Abgeordneten Peter Hintze wogen bei den meisten Parlamentariern stärker: „Was sagen wir einer Frau, die erleben musste, wie ihr erstes Kind blind, taub und starr wird und dann in ihren Armen qualvoll erstickt und die jetzt Angst davor hat, dass sie das noch einmal miterleben muss. Sollen wir ihr sagen: Das ist Dein Schicksal, das hast Du anzunehmen, da steht das Strafrecht vor? Oder sind wir nicht zur Hilfe aufgefordert.“

Zeugung auf Probe

Aus einem menschlichen Embryo wird eine einzelne Zelle entnommen
Forscher entnehmen einem menschlichen Embryon eine einzelne Zelle.

Künftig darf ein Paar nach einer künstlichen Befruchtung überprüfen, ob ein Embryo einen schweren Gendefekt in sich trägt. Wenn ja wird dieser Embryo nicht in den Mutterleib eingepflanzt sondern vernichtet. In welchen Fällen die PID angewendet werden darf, soll eine Ethikkommission entscheiden. Trotzdem warnte der CSU-Abgeordnete und Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller: „PID bedeutet Selektion. Unter den künstlich hergestellten Embryonen werden die einen ausgewählt und die anderen verworfen. Es wäre quasi eine Zeugung auf Probe.“

Ein weiteres Argument der Gegner: Auch nur die begrenzte Zulassung führe zu einem Dammbruch oder mindestens zu einer schleichenden Ausweitung des Verfahrens. Ulrike Flach von der FDP wies diesen Vorwurf in der Debatte zurück: „Die Zulassung der PID wäre kein Dammbruch, denn es geht um wenige hundert Fälle im Jahr. Sie würde Deutschland an die Seite unserer europäischen Nachbarn führen, die zum Teil seit Jahrzehnten verantwortungsvoll mit der PID umgehen.“

Abgeordnete sprachen über eigene Erfahrungen

Es war eine sehr ernsthafte, aber auch eine sehr persönliche Debatte. Viele Abgeordnete redeten über eigene Erfahrungen mit Frühgeburten oder Konflikten in der Schwangerschaft. Ob als Vater, Mutter oder auch als Ärztin, wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen: „Ich glaubte am Anfang vieles zu wissen durch acht lange Jahre Ausbildung und Studium. Aber die Wucht des Schicksals rund um Schwangerschaft und Geburt haben mich sehr still werden lassen. Seitdem bin ich sehr vorsichtig geworden mit dem Urteil, was in solchen Situationen absolut richtig oder absolut falsch ist.“ Ein Kompromissvorschlag, der die PID zwar grundsätzlich verbieten und nur in ganz wenigen Ausnahmefällen erlauben wollte, bekam die wenigsten Stimmen.

Enttäuschung bei den Kirchen

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider (Archiv)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider (Archiv)

Enttäuscht reagierten die christlichen Kirchen in Deutschland. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider sagte, er halte die Freigabe der PID für „zu weit gehend“. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, kritisierte die Selektion von Embryonen. Dagegen begrüßte die Bundesärztekammer die Entscheidung. Die Ärzteschaft werde Verantwortung übernehmen, damit das Verfahren unter kontrollierten Bedingungen und nur bei vorheriger fachkundiger Beratung angewendet werde.

Hintergrund

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