Chinesischer Autor Liao Yiwu flieht nach Deutschland

Vier Jahre seines Lebens hat der Autor Liao Yiwu im Gefängnis verbracht. In seinem neuen Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ schreibt er über diese Zeit. Weil die chinesischen Behörden die Veröffentlichung im Ausland verhindern wollten, hat Liao Yiwu seine Heimat nun verlassen.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Der chinesische Autor Liao Yiwu hält sein Buch in die Kamera.
Der chinesische Autor Liao Yiwu bei einer Veranstaltung in Berlin im September 2010.

Liao Yiwu lebte bislang weitab von der politisch oft aufgeladenen Atmosphäre Pekings im bergigen Sichuan im Südwesten Chinas, in der Provinzhauptstadt Chengdu. Doch auch dort hat er die harte Hand der chinesischen Staatssicherheit immer wieder zu spüren bekommen.

Erste Verhaftung 1990

Er saß seit seiner ersten Verhaftung 1990 – damals wegen eines kritischen Gedichts über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens – insgesamt vier Jahren im Gefängnis. Diese Zeit hat ihn geprägt. „Ich habe viel durchgemacht in meinem Leben, aber meine Einstellung hat sich mit der Zeit verändert. Zuerst war ich wütend, konnte diese ganzen Ungerechtigkeiten kaum ertragen. Doch dann habe ich dazugelernt. Wenn man Dinge nicht erträgt, muss man daraus lernen. Ich habe von meinem Leiden gelernt.“

Ein System von Folter und Erniedrigung

Doch das heißt nicht, dass Liao Yiwu weniger zornig über seine Erfahrungen im Gefängnis schreibt. Er beschreibt ein System, das seine Bürger hinter Gittern foltert und erniedrigt. Ein erster Erfahrungsbericht über diese Zeit ist bereits 2004 in Hongkong unter dem Titel Zheng Ci, also Zeugenaussage erschienen. In Deutschland erscheint das aktualisierte Buch jetzt unter dem Titel „Für ein Lied und hundert Lieder“.

Wegen seiner wortgewaltigen Beschreibungen der Zustände im Gefängnis geriet Liao unter Druck. Die Behörden, sagte er nach seiner Ankunft in Berlin, hätten von ihm eine Zusage erhalten wollen, dass er das Buch im Ausland nicht publiziert. Um Ausreisen zu können, sei er zum Schein auf diese Abmachung eingegangen, die er aber als Beleidigung eines jeden Schriftstellers empfinde.

Kein explizit politischer Autor

Dabei versteht sich der heute 52-jährige eigentlich nicht als explizit politischer Autor, er kommentiert keine aktuellen Ereignisse. Er sieht sich eher als Sammler von Erinnerungen, hat  auch in seinen anderen Büchern immer denjenigen eine Stimme geben wollen, die in China kaum gehört werden, den Kleinkriminellen, Wanderarbeitern, Prostituierten – Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. Aber in China ist das nicht erwünscht – seine Bücher stehen seit Jahren auf dem Index.

Pressefreiheit – „Im Westen die normalste Sache der Welt“

Der chinesische Autor Liao Yiwu.
„Irgendwann zurück nach China.“ Der chinesische Autor Liao Yiwu.

„Für Menschen im Westen ist es die normalste Sache der Welt, über alles frei schreiben zu können. In China muss man dafür kämpfen. Man muss versuchen, eine geschlossene Tür Zentimeter um Zentimeter aufzustoßen. Ich werde weiter dafür kämpfen, hier in China publizieren zu können. Selbst wenn das nicht gelingt, arbeite ich weiter. Wenn nur einer meine Bücher liest, habe ich immerhin einen Menschen beeinflusst.“

Eines Tags zurück nach China

Obwohl Liao Yiwu von den Behörden immer wieder drangsaliert wurde, die ihm unzählige Auslandsreisen verwehrten, konnte er sich jahrelang ein Leben außerhalb Chinas nicht vorstellen. Seine Liebe für China lasse seine Seele manchmal weinen, zitierte er den berühmten Dichter Ai Qing, den Vater von Ai Weiwei. Deshalb war er auch im vergangenen Jahr von der ersten Auslandsreise seines Lebens – nach Hamburg und Berlin – zurückgekehrt. Auch jetzt sieht er sich nicht als Flüchtling. Er wolle eines Tages nach China zurück, sagte er einem amerikanischen Magazin. Allerdings weiß er sehr wohl, dass das unter der jetzigen Führung eher unwahrscheinlich ist.

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