Murdochs zynisches Verhalten

Von Stephan Lochner, SWR-Hörfunkstudio London

Das plötzliche Ende der „News of The World“ – hat die britische Öffentlichkeit getroffen wie ein Donnerschlag. Der Marktführer im britischen Zeitungsgewerbe verschwindet. Eines der größten Blätter Europas, eines, das Sonntag für Sonntag fast drei Millionen Menschen gekauft und mehr als sieben Millionen gelesen haben.

Briten gieren nach Sex, Leid und Lästerei

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Welt ab Montag eine bessere sein wird – um ein Stück Revolverjournalismus erleichtert. Leider wird das nicht lange so bleiben. Die Briten gieren danach, sonntags mit Sex, Leid und Lästerei versorgt zu werden. Und Rupert Murdoch wird sich das lukrative Geschäft mit dieser Gier kaum entgehen lassen.

Er wird die Marktlücke, die er jetzt schafft, schon bald wieder schließen, vermutlich mit einer Sonntagsausgabe der „Sun“. Vermutlich wird Murdoch die Macher der neuen Sonntagszeitung anweisen, ihre Informationen auf legalen Wegen zu beschaffen. Er wird aber absehbar wenig gegen Arbeitsmethoden tun, die zumindest ethisch fragwürdig sind. Der sogenannte Journalismus nach Art der britischen Yellow-Press geht nur unmenschlich. All die Leid- und Lästergeschichten lassen sich eben vielfach nur auf brutale Weise recherchieren. Etwa durch Witwenschütteln, also dem Belagern von Angehörigen tödlich Verunglückter oder Mordopfern.

Murdoch zieht die Reißleine

Rupert Murdoch geht es mit seinem vermeintlich drastischen Schritt vor allem darum, bei der britischen Regierung gut Wetter zu machen. Er arbeitet zurzeit an der Komplettübernahme des Satellitensenders BSkyB, die von den zuständigen Ministern zwar im Grundsatz schon abgenickt war, die in der britischen Öffentlichkeit aber nicht mehr gut ankommt.

Es ist einfach schwer zu vermitteln, dass ein Medienkonzern, in dem Kriminelle am Werk waren, nun noch mehr Marktmacht bekommen soll. Also zieht Rupert Murdoch die Reißleine. Auf den ersten Blick sieht es nach einem großen Opfer aus. Doch in Wahrheit tut ihm der Schritt nicht wirklich weh.

Die Marke „News of the World“ ist ohnehin kaputt, nicht mehr zu reparieren. Im Laufe der Woche sind so gut wie alle großen Anzeigenkunden abgesprungen, es gab erste Aufrufe zum Leserboykott. Murdoch tötet die Zeitung nun sofort, anstatt sie langsam sterben zu lassen. Und ganz nebenbei sichert er mit dem Manöver aller Voraussicht nach den großen BSkyB-Deal. Da geht es um Milliarden, nicht um ein paar läppische Zeitungsmillionen.

Schauspieler Hugh Grant, eines der prominentesten Opfer der Handy-Hacker von „News of The World“, wirft Rupert Murdoch deshalb Zynismus vor. Zu Recht.

Affäre kann für Cameron ungemütlich werden

Mit dem Aus der Zeitung verlieren gut 200 Menschen ihren Job. Die meisten von ihnen arbeiten erst seit kurzem bei dem Blatt – sie haben mit all den widerwärtigen Abhöraktionen von Promis, Politikern, Mordopfern, Soldatenwitwen und Anschlagshinterbliebenen nichts zu tun. Dagegen dürfen Leute wie Rebekah Brooks, zum Zeitpunkt der Aktionen Chefredakteurin und heute im Vorstand des News International Verlags, bleiben. Das ist in der Tat zynisch. Und verlogen.

Mit dem Ende der „News of The World“ ist der Skandal keineswegs vom Tisch. Im Gegenteil. Es geht gerade erst los. Die Affäre wird auch für den britischen Premier David Cameron zur Bewährungsprobe. Cameron war mit Murdoch-Leuten stets auf Kuschelkurs, auch mit Schlüsselfiguren des Skandals. Er hat einen Ex-Chefredakteur des Skandalblatts zu seinem Sprecher gemacht. Einen Mann, der jetzt festgenommen wurde. Das kratzt an seiner Glaubwürdigkeit.

David Cameron tritt die Flucht nach vorn an. Er gesteht ein, dass die Nähe zu Murdoch zu groß war. Er weiß, dass ihm die Nähe noch gefährlich werden kann.

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