„Wir stecken alle mit drin“

Der Abhörskandal bei der Boulevardzeitung „News of the World“ wird drastische Folgen für die gesamte britische Presse haben. Premierminister David Cameron kündigte auf einer Pressekonferenz an, die Presseaufsicht im Königreich umzubauen, weil diese versagt hätte. Eine unabhängige Kommission soll Vorschläge machen, wie die britische Presselandschaft in Zukunft reguliert werden könne. Das sei sehr schwierig, da die Pressefreiheit nicht eingeschränkt werden dürfe. „Freiheit der Presse heißt aber nicht, dass sie über dem Gesetz steht.“

Zudem teilte Cameron mit, dass es eine umfassende öffentliche Untersuchung unter Leitung eines Richters geben werde. Auch den Vorwürfen an die Polizei, Bestechungsgelder angenommen zu haben, müsse auf den Grund gegangen werden.

Eingeständnisse des Premier

Der Regierungschef selbst gestand schwere Fehler im Umgang mit der Affäre ein. Der Skandal drehe sich keinesfalls nur um eine einzige Zeitung und einen Journalisten, sondern auch um die Polizei und die Politik. Die Parteiführer seien so erpicht darauf gewesen, in der Gunst der Zeitungen zu stehen, das sie wissentlich ignoriert hätten, wie bei einigen Blättern gearbeitet worden sei.

Andy Coulson
Will weder von den Abhörpraktiken noch von Bestechungsgeldern gewusst haben: Andy Coulson

Cameron gab zu: „Wir stecken alle mit drin – die Presse, die Politiker, die Chefs aller Parteien, ich selbst inbegriffen.“ Auf Cameron wuchs der Druck in der Affäre, als bekannt wurde, dass er den früheren Chefredakteur der Zeitung, Andy Coulson, zu seinem Kommunikationschef berufen hatte. Cameron sagte, er übernehme für die Entscheidung, Coulson eingestellt zu haben, die volle Verantwortung.

Erste Festnahme

Coulson selbst wurde inzwischen festgenommen. Er war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des Boulevardblatts. Wie Scotland Yard mitteilte, werden dem 43-Jährigen in dieser Funktion nun Korruption und das Abhören von Telefonen vorgeworfen. Angesichts der öffentlichen Debatte durch die Ermittlungen war Coulson im Januar als Kommunikationschef des Premier zurückgetreten.

Letzte Ausgabe am Sonntag

Als Konsequenz aus dem Abhörskandal beschloss das Medienimperium News Corp von Rupert Murdochdas das Boulevardblatt „News of the World“ nach 168 Jahren einzustellen. Die letzte Ausgabe soll am Sonntag erscheinen. Von der Schließung sind etwa 200 Journalisten betroffen, von denen sich viele schockiert zeigten.

Sendungsbild
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  • Abhörskandal führt zum Aus von „News of the World“
  • Länge: 0:01:27
  • Datum: 2011-07-08T06:33:00.000+02:00

Die Affäre hatte sich zuletzt massiv zugespitzt: So gab es Berichte, wonach möglicherweise auch die Angehörigen von gefallenen Soldaten abgehört wurden, die im Krieg im Irak oder in Afghanistan getötet wurden. Ein Privatdetektiv, der im Auftrag der Zeitung handelte, verfügte über die persönlichen Daten von einigen Angehörigen. Außerdem war bekannt geworden, dass er sich auch in die Mobilbox eines entführten und später ermordeten 13-jährigen Mädchens einhackte und dort sogar Nachrichten löschte.

Auch Angehörige der Opfer der Londoner U-Bahnanschläge von 2005 waren von der Abhöraktion betroffen. Scotland Yard zufolge könnten die Telefone von bis zu 4000 Menschen angezapft worden sein.

Übernahmepläne gefährdet

Medienunternehmer Rupert Murdoch
Muss nun um eine geplante Übernahme bangen: Medienmogul Rupert Murdoch (Archiv)

Für Murdoch, der die Vorwürfe als bedauerlich bezeichnet hat, kommt der Skandal zu einem schlechten Zeitpunkt. Er wartet nämlich darauf, dass er die Mehrheit des britischen Fernsehsenders BSkyB übernehmen kann – die konservative Regierung wollte dieser Übernahme, trotz starker Proteste anderer Medien und der Opposition, zustimmen. Das könnte nun schwerer werden, weil dieser Schritt nach den jüngsten Vorgängen in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würde.

Die Affäre beschäftigt Großbritannien seit Jahren. Im Jahr 2007 waren bereits ein Journalist und ein Privatermittler der Zeitung dafür verurteilt worden, die Telefone von Prominenten und Mitgliedern des Königshauses angezapft zu haben.

Die neuen Vorwürfe in den vergangenen Tagen hatten einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Zahlreiche große Anzeigenkunden wie die Supermarktkette Sainsbury’s, das Mobilfunkunternehmen O2 oder der Autokonzern Ford kündigten der „News of the World“ die Zusammenarbeit auf.

Original, Google Cache, archive.org

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