Eine europäische Stimme gegen die großen Drei

Die großen Drei fällen ihr Urteil über Unternehmen und Staaten – und die Öffentlichkeit reagiert gereizt. In Europa mehren sich die Stimmen, die der Macht der großen US-Ratingagenturen eine europäische Stimme entgegensetzen wollen. Mehrere Vorschläge liegen auf dem Tisch.

Von Stephan Ueberbach, SWR-Hörfunkkorrespondent Brüssel

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso
EU-Kommissionspräsident Barroso hält die US-Agenturen für voreingenommen.

„Mir kommt es schon ziemlich seltsam vor, dass es keine einzige Ratingagentur gibt, die aus Europa kommt“, sagt José-Manuel Barroso. In seltener Schärfe hatte der europäische Kommissionspräsident kurz zuvor die US-Agentur Moody’s attackiert. Die Agentur hatte Portugals Kreditwürdigkeit erneut herabgestuft, diesmal auf den Status Ramsch. „Das zeigt, dass es vielleicht ein gewisses Maß an Voreingenommenheit in den Märkten gibt, wenn es darum geht, die besonderen europäischen Aspekte zu beurteilen“, sagte Barroso.

Die Macht der drei großen amerikanischen Rating-Agenturen ist vielen Europäern ein Dorn im Auge – und das nicht erst seit gestern. Schon vor einem Jahr hatte man sich in Brüssel kräftig über die Einmischung aus den USA geärgert. Auch damals war es die Agentur Moody’s, die den Daumen über einem Euro-Land gesenkt hatte, auch damals ging es um Portugal, kurz nachdem die EU das erste Hilfspaket für Griechenland unter Dach und Fach gebracht hatte. Von seltsamen Zufällen war die Rede, von einem amerikanischen Oligopol, das es dringend zu knacken gelte. „Wir wollen mehr Wettbewerb“, sagte der FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis damals, im Mai 2010, und schlug vor: „Wir wollen dem Oligopol eine weitere Bewertungsagentur an die Seite stellen, damit ein echter Wettbewerb entsteht.“

Gegengift zu Moody’s & Co.

Da war sie also wieder: die Idee einer europäischen Ratingagentur, die den drei US-Schwergewichten Paroli bieten soll mit eigenen, unabhängigen und verlässlichen Analysen. Sozusagen das Gegengift zu Moody’s & Co.

Hintergrund

Die Macht der Ratingagenturen
Sie hatten bereits mit weiteren Abwertungen gedroht, falls Griechenland den Sparkurs ablehnt: Die großen US-Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor’s und Moody’s. Sie sind erfolgreich, mächtig und dabei doch verschwiegen, wenn es um ihre Methoden geht.

Getan hat sich bisher allerdings kaum etwas – von vollmundigen Ankündigungen und Appellen einmal abgesehen. Dabei sind eigentlich alle dafür: das Europaparlament, die europäische Kommission, und einflussreiche Mitgliedsstaaten wie Frankreich oder Deutschland.

Steuergelder für eine europäische Agentur?

Beim Wie allerdings gehen die Meinungen weit auseinander. Die Gründung einer solchen Agentur mit Steuergeldern anzuschieben, wie es der Mehrheit der EU-Parlamentarier vorschwebt, halten Paris und Berlin für falsch. Denn schließlich solle ja die Bonität der europäischen Staaten bewertet werden. Und um den Anschein möglicher Interessenskonflikte gar nicht erst entstehen zu lassen, gelte es jede Form einer staatlichen Beteiligung zu vermeiden, heißt es zur Begründung.

Vorschläge aus der Wirtschaft

Zudem sollte die Initiative besser aus der Wirtschaft kommen. Hinter den Kulissen wird bereits kräftig darüber nachgedacht. Kommissionspräsident Barroso: „Ich weiß, dass es solche Entwicklungen gibt, die sich mit der möglichen Errichtung von europäischen Ratingagenturen beschäftigen.“

Eine Stiftung als Garant für Unabhängigkeit?

Zum Beispiel in Deutschland. Die Unternehmensberatung Roland Berger will Banken, Versicherer, Fondsgesellschaften und Börsen für die Gründung einer Agentur gewinnen. Diese Agentur sollte die Form einer Stiftung haben, die dann, ähnlich wie die Stiftung Warentest, unabhängige Informationen liefern soll.

Interview

„Die Politik macht den Boten zum Buhmann“
Portugal auf Ramschniveau – die Politik ist empört. Über die Macht der US-Ratingagenturen schimpft auch Finanzminister Schäuble. Zu Unrecht, wie der ehemalige ARD-Börsenexperte Lehmann im Interview mit tagesschau.de sagt: „Die machen nur ihren Job.“

Zumindest bei der Bundesregierung stößt diese Idee auf Wohlwollen. Die Kosten allerdings sind nicht ohne. Um eine schlagkräftige Analysten-Mannschaft aufzubauen, werden nach Schätzung der Unternehmensberater rund 300 bis 500 Millionen Euro gebraucht. Und bis diese Agentur arbeitsfähig wäre, dürften zwei bis drei Jahre vergehen.

Ratingagenturen unter stärkere Kontrolle

Möglicherweise verspricht daher ein anderer Ansatz mehr Erfolg. Die Europäische Kommission will die Ratingagenturen nämlich schärfer als bisher regulieren. Die Vorschläge dazu werden im Herbst erwartet. Und das EU-Parlament verlangt, dabei auch eine zivilrechtliche Haftung der Agenturen für ihre Bewertungen zumindest zu prüfen. Vielleicht, so die Hoffnung, lassen sich die Privatunternehmen Moody’s, Fitch, und Standard and Poor’s davon ja beeindrucken.

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