No more Power to the Point!

Schon manche Grundschüler wissen: Haddu Powerpoint, haddu Referat. Wo „Bullet Points“ fliegen, animierte Grafiken flimmern sowie Hintergründe und Zeichensätze darum eifern, wer denn am meisten das Auge beleidigt, da kann man an Inhalt und Substanz schon einmal sparen – sofern diese im Zuge des Designprozess nicht gleich eliminiert wurden.

Für die Zuschauer sind solche Präsentationen in Bezug auf Unterhaltungs- und Erkenntniswert oft das Äquivalent von Papas Urlaubsdias: Man hofft auf das schnelle Ende und dass wenigstens technisch nicht allzu viel klemmt.

Ein paar Klicks, die die Welt verändern können

Zugegeben: Powerpoint und äquivalente Präsentationsprogramme haben die Kraft, die Realität zu verändern. Man denke nur an die Präsentation des damaligen US-Außenministers Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat, die als Rechtfertigung für den Irakkrieg diente. Oder die bunten Bildchen und Tabellen, mit denen die obskure Derivate verkauft werden, die die Finanzkrise mit ausgelöst haben.

Ein Hort für die geschundenen Massen

Doch nun haben alle die von Präsentationen geblendeten oder angeödeten Menschen endlich eine Vertretung: In der Schweiz wurde die „Anti Powerpoint Party“ (APPP) gegründet. Die Organisation sieht sich nach eigenen Angaben als „Anwalt der monatlich ca. 250 Millionen Menschen weltweit, die bei langweiligen Präsentationen in Unternehmen, in Studium und Ausbildung zwangsweise anwesend sein müssen und bisher keine politische Vertretung gefunden haben“ – und hat hohe Ziele: Sie will mit 33.000 Mitgliedern die viertstärkste Partei der Schweiz werden und auch gleich weltweit agieren.

Der Wilhelm Tell des Flipcharts

Bei APPP-Gründer Matthias Pöhm rein altruistische Motive zu unterstellen, wäre allerdings vielleicht etwas naiv, denn der Mann ist: Rhetoriktrainer. Und als solcher hat er ein Buch geschrieben, wie man am besten präsentiert – natürlich ohne Powerpoint.

Wie auch immer, zumindest einen Anfang hat Pöhm gemacht. Aber wie nicht zuletzt die Piraten gezeigt haben: Ein-Themen-Parteien tun sich schwer. Der Vorsitzende täte also gut daran, das Themenspektrum seiner Organisation zu erweitern und sich weiteren brennenden Menschheitsproblemen zuwenden,zum Beispiel jene Tätern, Menschen die übergroße Grafiken in jede E-Mail einbinden, ihre Website sinnloserweise mit Flash aufmotzen oder mit Kanonen auf Applikationen schießen.

Original, Google Cache, archive.org

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