Selbstkritik und Eigenlob zum Abschied

Mit der Schlagzeile „Danke und auf Wiedersehen“ ist heute das britische Boulevardblatt „News of the World“ zum letzten Mal erschienen. Der Verlag des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch hatte in dieser Woche das Ende der Zeitung beschlossen, nachdem neue Details eines jahrelangen Abhörskandals bekannt geworden waren.

Auf der Webseite der Zeitung heißt es, nach 168 Jahren verabschiede sich die Redaktion „traurig, aber sehr stolz“ von ihren 7,5 Millionen Lesern. Dazu bietet die Zeitung einen Reproduktion ihrer Erstausgabe vom 1. Oktober 1843, einen Rückblick auf die Geschichte der „News of the World“, in dem sich die Autoren für den Abhörskandal entschuldigen und zugleich die Vergangenheit eines Skandalblatts preisen, das wie kein anderes seit den 60er-Jahren die britische Presselandschaft beeinflusst und verändert hat.

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  • Aus nach Skandal – letzte Ausgabe der „News of the World“
  • Länge: 0:02:45
  • Datum: 2011-07-10T23:57:00.000+02:00

Die „erstaunliche Zeitung“ habe zum britischen Sonntag wie der festliche Braten gehört, heißt es in dem Beitrag. „News of the World“ habe Geschichte geschrieben, etwa indem sich das Blatt schon im 19. Jahrhundert gegen Kinderarbeit eingesetzt, später strengere Gesetze gegen Pädophile durchgesetzt und auch erreicht habe, dass der Schutz von Kindern im Internet verbessert worden sei.

Irgendwie vom Weg abgekommen

Mitarbeiterinnen der News of the World
Tränen am letzten Arbeitstag: Für viele ehemalige Mitarbeiter dürfte die Zukunft noch ungewiss sein.

Die Betonung des Einsatzes für Kinder und Familien hat seinen Grund. Dann nämlich räumen die Autoren ein, die Zeitung sei von ihrem Weg abgekommen. Man bedauere aufrichtig das Abhören von Telefonen, für das es keine Rechtfertigung gebe. Ebenso wenig gebe es eine Rechtfertigung für das Leiden, das den Opfern zugefügt worden sei und für die „Beschädigung“ der „großartigen Geschichte“ der Zeitung.

Der Artikel umschreibt, dass Mitarbeiter des Blatts über Jahre bis zu 4000 Mobiltelefone illegal angezapft hatten. Neben Politikern und Prominenten sollen auch Opfer von Straftaten und Angehörige gefallener Soldaten betroffen sein. Überdies sollen Reporter der Zeitung Bestechungsgelder an Polizisten gezahlt haben.

Zuletzt war bekannt geworden, dass Mitarbeiter der Zeitung auch die Voicemail-Box eines ermordeten jungen Mädchens abgehört und daraus Nachrichten gelöscht hatten, um so Platz für neue Informationen zu schaffen. Das hatte den Eltern des entführten Mädchens Hoffnung verschafft, ihre Tochter sei noch am Leben. Ebenso empört reagierte die britische Öffentlichkeit auf die Nachricht, dass das Murdoch-Blatt die Telefone der Angehörigen getöteter Soldaten geknackt hatte.


Die letzte Schlagzeile: So verabschiedet sich „News of the World“

Ein Premier mit falschen Beratern

Der Abhörskandal hat auch den britischen Premierminister David Cameron in höchste Bedrängnis gebracht, da er 2007 den früheren „News of the World“-Chefredakteur Andrew Coulson zu seinem Kommunikationschef gemacht und ihn 2010 mit nach Downing Street genommen hatte. Dort hielt Coulson sich aber nur wenige Monate im Amt und musste im Januar als Sprecher Camerons zurücktreten, als Details der Abhöraffäre bekannt wurden.

Cameron will nun den Abhörskandal durch eine unabhängige Kommission untersuchen lassen und zudem die Presseaufsicht in Großbritannien verstärken. Coulson selbst wurde am Freitag vorübergehend festgenommen und stundenlang verhört.

Das nächste Projekt im Blick

In der britischen Öffentlichkeit war das Ende des Boulevardblatts mit zwiespältigen Reaktionen aufgenommen worden. Medienexperten verwiesen darauf, dass Verleger Murdoch damit nur einem schleichenden Ende der Zeitung zuvorgekommen sei, da in den Tagen zuvor immer mehr Anzeigenkunden abgesprungen seien.

Zudem unterstellen sie Murdoch, mit einem unausweichlichen Schritt ein anderes Projekt zu retten. Murdoch strebt die volle Kontrolle über den Bezahlsender BSkyB an. Die vollständige Übernahme muss aber von der Regierung genehmigt werden. Cameron hatte zuletzt die Entscheidung darüber Wirtschaftsminister Vince Cable entzogen und Kulturminister Jeremy Hunt übertragen. Dieser galt als Befürworter der Übernahme. Nun hat Cameron angekündigt, die Ergebnisse der Untersuchung in die Entscheidung über BSkyB mit einzubeziehen.

Was plant Murdoch?

Der australische Medienunternehmer traf am Mittag in der Redaktion in London ein. Über seine genauen Pläne wurde noch nicht bekannt. Er hatte lediglich angekündigt, keine weiteren personellen Konsequenzen aus dem Skandal ziehen. Beim Besuch einer Medienkonferenz in Sun Valley im US-Staat Idaho hatte er am Samstag seine Loyalität zur Chefin seiner britischen Zeitungssparte und früheren Chefredakteurin von „News of the World“, Rebekah Brooks, versichert. Brooks besitze weiterhin seine „totale“ Unterstützung.

Beobachter erwarten, dass Murdoch bald ein neues Sonntagsblatt auf den Markt bringen wird. Sie rechnen damit, dass die Boulevardzeitung „The Sun“, die eine ähnlich aggressive Rhetorik pflegt, dann an sieben Tagen die Woche erscheinen wird. Eine entsprechende Internetadresse wurde in dieser Woche registriert.


Chef liest mit – Rupert Murdoch machte sich mit der letzten Ausgabe der „News of the World“ auf den Weg in die News-International-Zentrale.

Original, Google Cache, archive.org

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