„Camerons bisher größte Bewährungsprobe“

Das Ende der traditionsreichen britischen Sonntagszeitung „News of the World“ dominiert vor allem bei der britischen Presse die Kommentarseiten. Kritisiert werden die engen Verbindungen zwischen Politikern und dem Murdoch-Medienimperium. Viele Journalisten fürchten Folgen für die Pressefreiheit. Lesen Sie hierzu eine Sammlung ausländischer Pressestimmen.

So überlegt der Kommentator des „Telegraph“, wie Premierminister David Cameron auf die Tatsache reagieren soll, dass sein ehemaliger Sprecher Andy Coulson als früherer Chefredakteur der „News of the World“ in den Skandal verwickelt ist: „Das ist die bisher größte Bewährungsprobe für den Premierminister. Es geht um seine Seele und seine Persönlichkeit. Es geht auch um sein Urteilsvermögen, deshalb ist es unvermeidbar, dass Cameron zu dieser Sache befragt wird. Aber folgendes sollte man sagen dürfen: Auch Integrität und Loyalität sind wichtig. Mir persönlich ist ein Premierminister lieber, der auch in schwierigen Zeiten zu seinen Freunden steht, statt sie den Wölfen vorzuwerfen. In den turbulenten Tagen, die noch bevorstehen, muss eine wahre Führungspersönlichkeit zwischen Moral und der Meinung des Mobs unterscheiden können.“

Der „Guardian“ beschäftigt sich dagegen mit der zentralen Rolle des „News of the World“-Verlegers Rupert Murdoch, der einen bedeutenden Teil der britischen Presse besitzt. Die Zeitung rät: „Nie wieder darf ein Mann wie Rupert Murdoch in unserem Land einen solchen Einfluss gewinnen. Die zahlreichen Ermittlungen werden das wahre Ausmaß der Korruption in Politik und Medien ans Licht bringen. Wir werden als Gesellschaft jedoch nichts dazulernen, wenn wir nicht begreifen, dass Murdoch unser aller Werk war. Er rettete Zeitungen und brachte uns den Fernsehsender Sky, aber Politiker und die öffentliche Meinung ignorierten dabei seinen Opportunismus und die zerstörerische Wirkung seiner Persönlichkeit. Murdoch und seine Werte stehen nicht länger für das, was wir sind.“

Der „Independent“ stellt hingegen nicht Murdoch, sondern die ehemalige Chefredakteurin und Murdoch-Vertraute Rebekah Brooks in den Mittelpunkt des Skandals. Die Zeitung schreibt: „Wir feiern das Ende der ‚News of the World‘ nicht. Zu ihren Hochzeiten war sie eine der besten Zeitungen Großbritanniens, die beeindruckende Rekorde bei Enthüllungsgeschichten und der Unterhaltungen aufstellte. Der ‚Independent on Sunday‘ wünschte sich einen ähnlichen kommerziellen Erfolg. Und niemand, am wenigsten die Belegschaft einer anderen Sonntagszeitung, sollte sich über die Entlassung anderer Journalisten freuen, von denen nur wenige für die Exzesse verantwortlich waren, die das Ende der ‚News of the World‘ brachten. Noch schlimmer ist, dass die Einstellung unnötig war. Hätte Rebekah Brooks ihre Position geräumt, hätte die Giftigkeit des Titels gereinigt und hätten möglicherweise Anzeigenkunden zurückgewonnen werden können.“

Auch die Sonntagszeitung „The Sunday Times“, die zum Medienimperium Murdochs gehört, kommentiert die Abhöraffäre. Das konservative Blatt warnt vor negativen Folgen für die Pressefreiheit: „Oberstes Ziel muss es nun sein, ohne weiteren Schaden an unseren Grundrechten die Presse zu reformieren. Dieser Skandal zeigt, dass die Medien sich schärfer selbst beschränken müssen, sie müssen auch ermitteln und Fehlverhalten bestrafen können. Kontrolle von außen würde denjenigen in die Hände spielen, die eine zahnlose Presse wünschen. Dazu gehören Politiker, die gern den Skandal über die Spesen unserer Abgeordneten aus den Schlagzeilen gehalten hätten, ebenso wie Pharma-Hersteller, die Menschenleben zerstören und korrupte Funktionäre, die den Weltfußball beherrschen. David Cameron steht nun unter großem politischen Druck und muss sich Forderungen beugen, die Presse zu neutralisieren. Dieser Weg führt direkt zu Korruption, Gefälligkeit und einer ungesunden Demokratie.“


Die letzte Ausgabe der „News of the World“ neben anderen britischen Zeitungen

„Die Katharsis ist notwendig“

Auch außerhalb Großbritanniens kommentieren verschiedene Zeitungen die Folgen des „News of the World“-Abhörskandals. Die dänische Zeitung „Berlingske Tidende“ fürchtet ebenfalls Folgen für die Pressefreiheit: „Wie so oft geht es um persönliche Beziehungen und Freundschaften zwischen Chefredakteuren und Politikern – in diesem Fall mit Premierminister Cameron an der Spitze. Die britische Boulevardpresse konnte sich lange jeder ethischen Kontrolle entziehen, und dieser skandalöse Mangel an moralischen Grenzen und redaktioneller Verantwortung muss in dem nun anberaumten Ermittlungsverfahren vollständig ans Licht kommen. Das bedeutet zwar eine Beschädigung der gesamten Branche, aber die Katharsis ist notwendig. Und das gilt auch für die britische Polizei, deren Mitarbeiter sich offensichtlich nur allzu leicht bestechen ließen. Es ist aber auch wichtig, dass der Skandal nicht zu einer Einschränkung der Pressefreiheit führt oder den kritischen Journalismus unterdrückt, denn damit ist keiner Demokratie gedient.“

Die „Neue Zürcher Zeitung“ stellt dagegen, ähnlich wie der „Telegraph“, die persönlichen Verstrickungen des britischen Premierministers in den Fokus: „Als David Cameron im Mai 2010 Premierminister wurde, gelang dies auch dank publizistischer Unterstützung durch die Medien von News Corporation, die dem Medientycoon Rupert Murdoch gehören. Doch nicht nur mit Murdoch pflegte Cameron Umgang: Die ehemalige Chefredakteurin der ‚News of the World‘ ist eine Freundin, deren Nachfolger machte der Premier zeitweise zum Sprecher in der Downing Street. Der Mann wurde nun vorübergehend festgenommen. Und eine konsternierte Öffentlichkeit beginnt an der Urteilsfähigkeit, am Gespür des Premiers zu zweifeln für das, was sich als Politiker und als Staatsmann gehört und was nicht. Der 44-Jährige hat sich gemein gemacht mit dubiosen Gestalten, weil er deren publizistische Unterstützung suchte. Angetreten war er, um einen Wandel herbeizuführen, die Finanzen zu sanieren und sein unter Labour muffig gewordenes Land in eine lichte Zukunft zu führen. Wer so das Augenmaß verliert, gefährdet seine Fähigkeit, von den Briten schmerzhafte Opfer für eine Erneuerung zu fordern“, befindet die schweizer Zeitung.

Mit Auszügen aus der Presseschau des Deutschlandfunk

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