„Es gibt nichts mehr zu essen“

Eine schwere Dürre am Horn von Afrika trifft mehrere ostafrikanische Staaten, doch besonders kritisch ist die Lage im kriegszerstörten und instabilen Somalia. Immer mehr Menschen fliehen nach Mogadischu und hoffen dort auf Hilfe der Vereinten Nationen. Doch auch die UN-Reserven sind begrenzt.

Von Antje Diekhans, ARD-Hörfunkstudio Nairobi

Das Flüchtlingslager in der somalischen Hauptstadt Mogadischu ist schon völlig überlaufen. Doch noch immer kommen hier täglich hunderte Menschen an. Sie alle sind auf der Flucht vor der Dürre und dem Hunger und entkräftet nach tagelangen Fußmärschen.

„Es gibt nichts mehr zu essen,“ sagt Hassan, der ein kleines Mädchen auf dem Arm trägt. „Ich habe fünf Kinder, die ich nicht mehr ernähren konnte. Wir sind aus dem Süden des Landes. Dort herrscht eine wirkliche Hungersnot. Das gesamte Vieh ist gestorben.“

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  • Ostafrika: Tausende flüchten vor dem Hunger
  • Länge: 0:01:14
  • Datum: 2011-07-11T09:49:00.000+02:00

Dürre in einem ausgezehrten Land

In Somalia sind mehrere Regenzeiten ausgefallen. Die Vereinten Nationen sprechen inzwischen von der schwersten Dürre seit 60 Jahren. Zwar sind auch andere Regionen am Horn von Afrika davon betroffen, doch in Somalia ist die Situation besonders kritisch. Das Land ist durch jahrzehntelange Kämpfe und ständigen Krieg völlig ausgezehrt. Es gibt keine Reserven an Grundnahrungsmitteln wie Maismehl oder Hirse mehr. Für die Restbestände werden Rekordpreise verlangt.

Spekulanten verdienten an der Not der Menschen, sagt Mark Bowden, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia. „Es kommt jetzt darauf an, den Leuten zu helfen, die mit Preissteigerungen von 270 Prozent fertig werden müssen. Entweder müssen die Nahrungsmittelpreise wieder gesenkt werden. Oder es muss genug Essen bereitgestellt werden, damit sie ihre Familien ernähren können,“ so Bowden. Doch auch die Lebensmittelvorräte des Welternährungsprogramms gehen zur Neige – voraussichtlich werden sie noch bis etwa September reichen. Ein Drittel der Bevölkerung in Somalia ist nach Angaben der UN-Organisation extrem unterernährt, das sind 2,5 Millionen Menschen. Wie viele verhungert sind, lässt sich kaum feststellen.

Flüchtlinge aus dem Umland bauen Hütten in einem neuen Auffanglager in Mogadischu
Die Menschen leben derzeit in provisorischen Auffanglagern – und hoffen dort auf Hilfe.

Menschen fliehen vor der Dürre nach Mogadischu
Jeden Tag erreichen neue Flüchtlinge die Hauptstadt Mogadischu.

Radikal-islamische Miliz lässt Hilfe zu

Der Süden, wo die Dürre besonders schlimm ist, wird von der radikal-islamischen Al Shabaab kontrolliert. Die Miliz hat lange keine Hilfslieferungen an die Bevölkerung zugelassen. Jetzt bittet sie plötzlich selbst um Unterstützung – ein weiterer Hinweis darauf, wie ernst die Lage ist. „Jede Organisation, die den Dürre-Opfern helfen will, ist willkommen“, betonte Al-Shabaab-Sprecher Ali Mohmud. „Egal ob muslimisch oder nicht-muslimisch. Solange die Helfer keine verborgenen Ziele haben, werden wir sie bei ihrem Einsatz unterstützen.“

UNO sorgt sich besonders um Kinder

António Guterres
UN-Flüchtlingskommissar Guterres machte sich in der vergangenen Woche in Kenia ein Bild von der Situation.

Die Vereinten Nationen begrüßten den Schritt, verlangen aber noch Sicherheitsgarantien. Für Nothilfe-Koordinator Bowden ist vor allem wichtig, dass die Flüchtlingsströme in Somalia gestoppt werden: „Sobald die Menschen sich auf den Weg machen, haben sie noch ein viel größeres Risiko zu sterben. Vor allem bei den Kindern ist der Zustand oft lebensbedrohend, wenn sie in den Lagern in Kenia oder Äthiopien ankommen.“

Vorerst strömen aber weiter jeden Tag Scharen von Menschen in die Auffangstationen. Viele haben das letzte, was sie noch hatten, an Schlepper abgegeben. Bis zu 150 Dollar nehmen diese pro Flüchtling. Ein Geschäft mit der Verzweiflung – das auch in den kommenden Wochen noch boomen wird.

Original, Google Cache, archive.org

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