Mindestens 110 Tote bei Schiffsunglück auf der Wolga

Mindestens 110 Leichen sind laut Rettungskräften noch an Bord des auf der Wolga gesunkenen Ausflugsschiffs „Bulgaria“, darunter viele Kinder. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, schwindet. Das Schiff war offenbar überladen und in schlechtem Wetter gesunken.

Von Hermann Krause, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Rettungskräfte am Wolgaufer
Rettungskräfte am Wolgaufer: Mehr als 90 Taucher sind im Einsatz, um die Leichen zu bergen. Hoffnung auf Überlebende gibt es kaum noch.

Mehr als 90 Taucher sind ununterbrochen im Einsatz, die ersten Leichen wurden am Morgen geborgen.  Die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwindet von Stunde zu Stunde. Das Schiff liegt in einer Tiefe von etwa 20 Metern auf dem Grund der Wolga. Befürchtet wird, dass mehr als 110 Menschen ums Leben kamen. An die 80 konnten gerettet werden. Unter ihnen ein Ehepaar, das die Gefahr rechtzeitig erkannte: „Wir haben schnell Rettungswesten angezogen, als wir merkten, was los ist. Dann kippte das Schiff plötzlich auf die rechte Seite, überall war Wasser, es gab kein Licht mehr. Wir wurden rausgeschleudert, das war unsere Rettung.“

„Schlagseite schon bei der Abfahrt“

Ein großer Teil der Passagiere hielt sich in dem Restaurant des Schiffes auf, dort finden die Taucher  deshalb zur Stunde auch die meisten  der Ertrunkenen, unter ihnen mehrere Dutzend Kinder. In einem Saal wurde gerade ein Kindergeburtstag gefeiert. „Mein Kind ist an Bord geblieben, ich konnte nichts tun“, so ein verzweifelter Vater, der seinen Sohn nicht retten konnte. Gestartet war der Ausflugsdampfer bereits am Samstagabend. „Das Schiff war viel zu alt, es taugte nichts“, erzählt einer der Geretteten. „Als wir losfuhren am Samstagabend hatte es schon Schlagseite. Wir machten uns da bereits große Sorgen. Als dann der Sturm und der Regen kam, kippte es plötzlich weg. Außerdem machte dann das Schiff eine Rechtskurve, dann war nur noch Wasser da, es war schrecklich.“

Sendungsbild
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  • Rettungskräfte suchen nach Überlebenden
  • Länge: 0:01:22
  • Datum: 2011-07-11T10:42:00.000+02:00

Die mehr als 55 Jahre alte „Bulgaria“ war anscheinend überladen, zudem hatte der Kapitän eine Schlechtwetterwarnung missachtet. Auf der Wolga, die sich an der Unglücksstelle zu einem riesigen Trinkwassersee staut, regnete es am Sonntagmittag in Strömen, zudem herrschten starke Winde. Angeblich sind zwei Lastschiffe an den im Wasser schwimmenden und um Hilfe rufenden Menschen vorbeigefahren: Erst ein zweites Passagierschiff nahm nach einer halben Stunde die um ihr Leben Kämpfenden an Bord.


Das Schiff „Bulgaria“ (undatiertes Foto). Es wurde in den späten 50-er Jahren in der Tschechoslowakei gebaut.

Das Schiff, 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaut, gehört einer in Perm im Ural ansässigen Aktiengesellschaft, diese verlieh es an den Reiseveranstalter „Agroretschtur“. Ein Sprecher der Aktiengesellschaft erklärte bereits, sein Unternehmen sei nicht für die Sicherheit des Schiffes zuständig, sondern alleine der Veranstalter. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen, eine Sonderkommission ist vor Ort.

Die Angehörigen der Vermissten werden von Psychologen betreut, die Tragödie erschüttert ganz Russland. Der Chef der Teilrepublik Tatarstan Rustam Minichanow unterbrach seinen Urlaub und flog zu der Unglückstelle. Den morgigen Dienstag erklärte er zum „Tag der Trauer“.

Wolga, Kasan

Original, Google Cache, archive.org

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