Die „Bulgaria“ sank in nur drei Minuten

Ein Ausflug auf der Wolga endet für mehr als die Hälfte der etwa 200 Menschen an Bord tödlich. Unter den Toten sind viele Kinder. Die mehr als 55 Jahre alte „Bulgaria“ war nach Erkenntnissen von Ermittlern völlig marode. Passagiere durfte das Schiff nicht mehr transportieren.

Von Hermann Krause, ARD-Hörfunkstudio Moskau

Rettungskräfte am Wolgaufer
Rettungskräfte am Wolgaufer: Mehr als 90 Taucher sind im Einsatz, um die Leichen zu bergen.

Nur 80 Menschen wurden gerettet, mehr als 120 kamen gestern bei dem schrecklichen Schiffsunglück auf der Wolga ums Leben. Am Nachmittag äußerte sich der russische Präsident Dimitri Medwedjew. „Hätte man  alle Anforderungen an die Sicherheit beachtet, wäre es selbst bei schlechtem Wetter nicht zu diesem Unglück gekommen“, sagte er und fragte: „Warum hat der Schiffseigentümer eine Nutzung des  überalterten Schiffes überhaupt zugelassen?“

Der Schiffseigner, eine in Perm ansässige Aktiengesellschaft, wies inzwischen alle Schuld von sich. Für die Sicherheit sei das Tourismusunternehmen, das das Schiff gemietet habe, zuständig. Eine russische Nachrichtenagentur schreibt, es habe keine Lizenz zum Transport von Passagieren vorgelegen. Die 55 Jahre alte „Bulgaria“ war zum letzten Mal vor 30 Jahren überholt worden. Ausdrücklich ordnete Medwedjew auch deshalb die Wartung und Kontrolle aller Passagierschiffe in Russland an. Denn die Zustände auf der „Bulgaria“ seien wohl kein Einzelfall, so der Präsident.

Besonders viele Kinderleichen im Musikzimmer

Taucher im Einsatz
Ein Taucher macht sich bereit, um in der gesunkenen „Bulgaria“ weiter nach Opfern zu suchen.

Am Unglücksort herrscht Verzweiflung und bittere Trauer – während die Taucher nach und nach Leichen an die Oberfläche bringen. „Wir haben das Schiff in Sektoren aufgeteilt. Unsere Taucher gehen etappenweise vor“, erklärt der Leiter des Katastrophenschutzes. „Die Taucher werden arbeiten, bis die gesamte Operation abgeschlossen ist. Wir sind bereits in das Musikzimmer vorgedrungen, da haben sich viele Kinder aufgehalten.“ In den nächsten Tagen werde das Schiff vollständig gehoben.

Die Hoffnung, dass sich Überlebende in eine Art Hohlraum hätten flüchten können, erfüllt sich nicht. Stattdessen nur schlechte Nachrichten. „Meine Tochter hat doch gerade erst geheiratet. Der Schwiegersohn wurde gerettet, er hat mich angerufen. Aber meine Tochter ist verschwunden“, erzählt eine der verzweifelten Mütter.

Sendungsbild
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  • Schiffsunglück auf der Wolga fordert zahlreiche Tote
  • Länge: 0:01:21
  • Datum: 2011-07-11T20:23:00.000+02:00

Einigen der Passagieren gelang es, noch Schwimmwesten anzulegen – sie kamen allerdings nicht aus dem Schiff heraus. Viele hielten sich in ihren Kabinen auf, als das Schiff plötzlich sank. „Wir waren praktisch lebendig begraben. Irgendwie bin ich durch das  Bullauge rausgekommen“, erzählt eine Überlebende. „Das Schiff lag schon fast unten, da wurde ich in einer Luftblase nach oben geschleudert. Ein Kind, das in meiner Nähe war, wollte ich festhalten, aber es gelang mir nicht.“ Die „Bulgaria“ sank in nur drei Minuten.

Schlagseite bereits am Vortag


Das Schiff „Bulgaria“ (undatiertes Foto). Es wurde in den späten 50er-Jahren in der Tschechoslowakei gebaut.

Nach Zeugenaussagen hatte das zweistöckige Passagierschiff bereits am Samstagabend Schlagseite, als es den Rückweg nach Kasan antreten wollte. Möglicherweise funktionierte ein Ruder nicht, Motorprobleme gab es schon auf der Hinfahrt. Untersucht werden muss auch, warum der Kapitän trotz der Unwetterwarnung vom Vortag seine Fahrt fortsetzte. Passagiere sollen ihn gebeten haben, nicht auszulaufen. Er habe dies zurückgewiesen und dann ganz plötzlich mitten auf der Wolga eine Rechtswende vollzogen. Daraufhin sei das Schiff gekentert, sagen Zeugen.

Zu Hilfe kam den in Wasser schwimmenden Menschen ein anderes Passagierschiff, die „Arabella“. Sie setzte Rettungsboote aus. Zuvor seien zwei Schiffe an den ums Überleben kämpfenden Menschen vorbeigefahren. „Wir haben gerufen und gewunken, keine Reaktion. Es war ein Tankschiff und ein Lastkahn. Nur die ‚Arabella‘ hat uns gerettet“, erzählt einer.

Am Ufer der Wolga, wo die Angehörigen in Zelten untergebracht sind, spielten sich den ganzen Tag über dramatische Szenen ab. Verwandte und Freunde lagen sich in den Armen und weinten hemmungslos, manche Familien haben gleich mehrere Kinder verloren. Präsident Medwedjew erklärte den 12. Juli zum „Tag der Trauer“.   

Wolga, Kasan

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