Der „Göttliche Sieg“ der Hisbollah verblasst

Vor fünf Jahren feierte sich die Hisbollah als die große Siegerin im Krieg mit Israel. Doch mittlerweile hat sich der Wind gedreht, die schiitische Partei und Miliz steht unter Druck. Unter anderem, weil in Syrien der Hisbollah-Verbündete Assad seine Macht verlieren könnte.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Dubai, zurzeit in Beirut

Als die Waffen schwiegen, machte sich die Hisbollah an die Arbeit: Ein Museum im Südlibanon erinnert nun an den Widerstand gegen die israelische Besatzung. Und an das, was die Hisbollah den „Göttlichen Sieg“ taufte, den Krieg vor fünf Jahren. Gewiss: Man hatte ihn provoziert, und eigentlich war es nur ein Unentschieden; aber allein das machte die Hisbollah stolz – und Millionen Menschen überall in der arabischen Welt.

Kriegsmuseum der Hisbollah
Das Museum der Hisbollah in Mleeta ist eine Mischung aus Kriegsshow und Vergnügungspark in schickem Design.

Und es machte Hassan Nasrallah, den Chef der schiitischen Partei und Miliz, zum Helden, selbst bei Sunniten, meint Paul Salem von der Carnegie-Stiftung in Beirut: „Sunniten, von Marokko bis zum Jemen hängten sich sein Bild an die Wand. Zweifellos war er ein Held in diesem arabisch-israelischen Konflikt. Nasrallah war der neue Gamal Abdel Nasser, der neue Che Guevara, und sehr, sehr beliebt.“

Haftbefehle gegen Hisbollah-Mitglieder

Doch nun hat sich der Wind gedreht. Ein internationales Tribunal sucht mit Haftbefehl vier Mitglieder der Hisbollah, wegen der Ermordung des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Ahmed Hariri, ein Neffe und der Generalsekretär der politischen Bewegung des Hariri-Clans, verlangt, dass der neue Ministerpräsident, Najib Miqati, die Arbeit des Tribunals unterstützt – hoffen tut er es nicht; schließlich regiert Miqati von Hisbollahs Gnaden: „Der Sturz von Ministerpräsident Saad Hariri und die Bildung der neuen Regierung haben damit zu tun, dass man die Zusammenarbeit mit dem Tribunal einstellen will. Das wurde vorher so erklärt.“

Plakat Rafik Hariris im Zentrum Beiruts
Die Ermittlungen zum Hariri-Mord sorgen weiter für Spannungen in Beirut.

Trotz starker Worte: Wahrscheinlich wird es einen typisch libanesischen Kompromiss geben: Die Regierung sucht die Verdächtigen, kann sie aber nicht finden. Alles Weitere – zum Beispiel eine Verurteilung in Abwesenheit – dürfte das Machtgefüge im Libanon kaum ändern.

Was wird aus Syrien?

Weit größere Sorgen als die Haftbefehle macht Nasrallah die Lage in Syrien. Das Assad-Regime war stets ein enger Verbündeter. Paul Salem, der unabhängige Experte, meint: „Sollte es in Syrien einen richtigen Bürgerkrieg geben, gefolgt von einem Wechsel des Regimes, wäre die Hisbollah in allergrößten Schwierigkeiten. Ihre strategische Rolle wäre vorbei, und sie müsste sich völlig anders orientieren. Iran würde seinen strategischen Zugang zum Libanon verlieren. Die Situation wäre plötzlich komplett anders.“

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah
Hisbollah-Chef Nasrallah rief dazu auf, Syriens Präsidenten zu unterstützen.

Die meisten Syrer sind Sunniten, eine neue Führung wäre also auch sunnitisch geprägt – und damit eher feindselig gegenüber der schiitischen Hisbollah. Im Mai rief Nasrallah die Syrer deshalb auf, Präsident Baschar al Assad zu unterstützen; schließlich wolle der ja Reformen durchziehen. Das verstanden nur wenige in Arabien. „Es fiel weitgehend auf taube Ohren“, meint Salem. „Nasrallah sagte das, weil das Assad-Regime Hisbollah geschützt und unterstützt hat, gegen Israel. Er will, dass dieses Regime bleibt und verwendet seine Popularität zu diesem Zweck. Das hat aber wenig gebracht, denn die arabische Öffentlichkeit ist fasziniert von dem Spektakel der Revolutionen, hat sich darin verliebt und findet sie überzeugend.“

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Geschwächte Hisbollah als Ziel?

Paradox: Eine so geschwächte Hisbollah könnte einen weiteren Krieg mit Israel wahrscheinlicher machen. Die Hisbollah werde sich nicht „auf ein weiteres Abenteuer mit Israel einlassen, weil sie weiß, wie verheerend das wäre“, betont Salem. „Aber Israel könnte dann an einem neuen Krieg Interesse haben, denn diesmal könnte sich die Hisbollah nicht über Syrien wiederbewaffnen. Die Hisbollah weiß das und wird den Israelis keinen Vorwand liefern.“

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