Die Angst vor der Murdoch-Presse

Von Stephan Lochner, SWR-Hörfunkstudio London

Wer erwartet hatte, dass mit dem spektakulären Ende der traditionsreichen Sonntagsboulevardzeitung „News of The World“ auch der Skandal erledigt sein würde, der sieht sich spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Die Affäre beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Reporter eines einzelnen Revolverblatts – sie entwickelt sich zum größten Medienskandal in der Geschichte Großbritanniens, zu einem Polizeiskandal, zu einem Politskandal.

Skrupellosigkeit für die saftige Story

Auch andere sogenannte Journalisten aus dem Hause Murdoch haben allem Anschein nach mit kriminellen Methoden gearbeitet, skrupellos gegen Gesetze verstoßen – und gegen die Mindeststandards eines ethischen Journalismus sowieso. Reporter des Schmierpapiers „The Sun“, aber auch der renommierten „Sunday Times“, sollen auf illegalen Wegen Informationen über Finanzen und Immobilienbesitz des früheren britischen Premiers und Finanzministers Gordon Brown beschafft haben. Mehr noch: Sie verschafften sich Zugang zu den Krankenakten von Browns jüngstem Sohn Fraser, der an einer schweren Krankheit leidet. Alles für die knackige Schlagzeile, die saftige Story.

Brown macht sich jetzt in einem Exklusivinterview der BBC zum Ankläger. Er wirft Murdochs Zeitungen vor, sie hätten in den Redaktionen Kriminelle beschäftigt und mit bekannten und vorbestraften Verbrechern zusammen gearbeitet. Es spricht viel dafür, dass er Recht hat.

Warum hat Gordon Brown sich nicht früher gewehrt?

Doch – bewusst oder unbewusst – klagt Brown auch sich selbst an. All das, was er jetzt über die Machenschaften der Murdoch-Presse zu berichten weiß, wirft auch Fragen an seine Person auf – allen voran die, warum er sich das alles hat gefallen lassen. Warum er nichts dagegen unternommen hat, dass Reporter derart tief in die Privatsphäre seiner Familie eindringen, dass sie den Gesundheitszustand seines Kindes und viele weitere persönliche Daten publik machen.

Man muss sich die Ungeheuerlichkeit konkret vor Augen führen. Im Jahr 2006 – kurz nach der Geburt – erfahren Brown und seine Frau Sarah von der schlimmen Krankheit ihres Sohnes. Es kostet sie Kraft, damit klar zu kommen. Wenig später ruft eine gewisse Rebekah Wade an, Chefredakteurin der „Sun“, und informiert die Browns, dass die Zeitung die erschütternde Diagnose kennt und eine Titelgeschichte daraus macht. Die Browns sind am Boden zerstört, sie denken an ihren Sohn, der nun nicht nur mit einer schweren Krankheit leben muss, sondern auch damit, dass alle Welt davon weiß. Doch bemerkenswerterweise tut Brown, damals Finanzminister, nichts dagegen. Im Gegenteil: Er entwickelt einen engen Draht zu Rebekah Wade, die heute Brooks heißt.

Ohne Wohlwollen der Murdoch-Presse keine Politik

So ziemlich jeder normale Mensch hätte diese Frau wohl für den Rest des Lebens gefressen gehabt. Nicht so Gordon Brown. Einige Jahre später geht er als Premier sogar zu ihrer Hochzeit.

Brown ist kein Dummkopf – und es kann eigentlich nur eine Erklärung für seinen kuscheligen Umgang mit Brooks und anderen führenden Murdoch-Leuten geben: Angst!

Ohne das Wohlwollen der Murdoch-Presse lässt sich  Politik in Großbritannien – bisher zumindest – nicht  machen. Brown hat das selbst zu spüren bekommen. Als ihm die „Sun“ vor der vergangenen Parlamentswahl die Unterstützung entzog und sich auf die Seite des Konservativen David Cameron schlug, war das für ihn der Todesstoß. Nicht ohne Grund verlor er an jenem Tag die Selbstkontrolle und rastete in einem Fernsehinterview aus.

Brown, Blair, Cameron – alle kuschen

Brown ist nicht der einzige, der Angst hatte, der kuschte, der die Nähe zur Murdoch-Presse suchte und deren Führungskräfte umgarnte. Sein Vorgänger Tony Blair machte es so, sein Nachfolger Cameron sowieso.

Cameron hat es vor ein paar Tagen schon selbstkritisch eingestanden: zu sehr geschmust, wir stecken alle mit drin. Wir waren so scharf darauf, bei den Zeitungen gut anzukommen, dass wir nicht richtig hingeguckt haben, wie dort teilweise gearbeitet wird.

So schmutzig, so widerwärtig der britische Medienskandal auch ist – er birgt die große Chance, dass die politische Klasse Großbritanniens ihr Verhältnis zu Teilen des Mediengewerbes überdenkt, dass sie sich von Murdoch emanzipiert, dass sie ihre übersteigerte Angst ablegt. Das gemeinsame Votum aller großen politischen Parteien im Parlament gegen Murdoch ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

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