Auch Japan peilt jetzt den Ausstieg an

Vier Monate nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima plant die japanische Regierung offensichtlich eine Kehrtwende in ihrer Energiepolitik. Premierminister Naoto Kan kündigte an, Japan wolle in „Etappen“ aus der Atomkraft aussteigen. Er gab aber keinen genauen Zeitplan an. Sein Land werde eine Gesellschaft ohne Kernkraftwerke schaffen, die nicht von der Atomkraft abhängig sei.

Der Plan bedeutet eine Abkehr von der früheren Regierungslinie. Japan bezieht zurzeit etwa 30 Prozent der Energie aus Atomkraft und hatte vor der Katastrophe vom 11. März geplant, diesen Anteil bis zum Jahr 2030 auf 53 Prozent zu erhöhen.

Japan müsse angesichts der „großen Gefahr von Nuklear-Unfällen“ schrittweise seine Abhängigkeit vom Atomstrom verringern. Ziel sei es, durch die Förderung erneuerbarer Energien langfristig auf Atomkraft verzichten zu können. Das Parlament werde vermutlich morgen mit den Beratungen über ein Gesetz zu den alternativen Energien beraten.

Naoto Kan
Naoto Kan will langfristig aussteigen – wahrscheinlich muss der unpopuläre Premier aber bald zurücktreten.

Schwacher Rückhalt für Kan

Allerdings wird der angeschlagene Regierungschef den Plan nach Einschätzung des ARD-Hörfunkkorrespondenten Nils Kinkel kaum noch verwirklichen können: Nur noch 16 Prozent der Japaner unterstützten seine Politik, sein Rücktritt in den kommenden Monaten sei so gut wie sicher.

Kan hatte sich bereits in den vergangenen Wochen für eine Verringerung des Anteils der Atomenergie ausgesprochen. Gestern sagte er vor Abgeordneten, seine Regierung habe keine andere Wahl, als auf die geplante Erhöhung zu verzichten.

Nun erläuterte er, die von einem Erdbeben und einem Tsunami ausgelöste Katastrophe in Fukushima habe ihm erst die großen Risiken der Atomkraft bewusst gemacht: Zehntausende Bewohner mussten damals ihre Häuser verlassen, die Behörden ordneten ein Sperrgebiet im Umkreis von 20 Kilometern um den zerstörten Meiler an. Nach dem Erdbeben versagten die Kühlsysteme im Katastrophenmeiler. Wegen einer Teil-Kernschmelze in drei der sechs Reaktoren gelangten große Mengen an radioaktiven Substanzen in die Umwelt.

Stresstests sollen beruhigen

Die Regierung hatte vergangene Woche sogenannte Stresstests für Atomkraftwerke angeordnet, um die besorgte Bevölkerung zu beruhigen. Um drohende Stromengpässe zu vermeiden, drängt die Regierung darauf, zur Inspektion heruntergefahrene Atomkraftwerke noch im Sommer wieder in Betrieb zu nehmen. Dies stieß in der Bevölkerung auf Kritik.

Von den 54 Atomreaktoren in Japan sind laut ARD-Hörfunkkorrespondent Kinkel rund zwei Drittel abgeschaltet. Wegen der Sommerhitze und des hohen Energieverbrauchs von Klimaanlagen leide vor allem der Großraum Tokio unter einer massiven Stromknappheit.

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