Murdoch verliert sämtliche Unterstützer

In ungewöhnlicher Eintracht wollen sich Konservative und Liberale gegen die Totalübernahme des Senders BSkyB durch den Medienmogul Murdoch stemmen. Die neue Front gegen den in Misskredit geratenen Unternehmer könnte weitreichende Folgen haben: Murdoch könnte der lachende Sieger werden.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkstudio London

In Großbritannien sind die politischen Reihen im Streit mit dem Medienkonzern von Rupert Murdoch geschlossen: Die konservative Regierung machte eine Kehrtwende um 180 Grad und wird eine Entschließung der oppositionellen Labour Partei und der Liberalen unterstützen: Murdoch wird darin aufgefordert, seinen Antrag auf Totalübernahme des TV-Bezahlsenders BSkyB zurückzuziehen.

Das Parlamentsgebäude in London.
Im Parlament wollen sich Konservative und Liberale gegen den Murdoch-Kauf aussprechen.

Der Beschluss ist nicht bindend, aber ein Signal: Vor dem Hintergrund des Abhörskandals will die politische Klasse des Landes nicht, dass der Murdoch-Konzern noch mehr Medienmacht in die Hände bekommt.

Noch vor einer Woche hatte Premier David Cameron gespottet, man könne doch nicht ernsthaft von ihm erwarten, in Wirtschaftsentscheidungen einzugreifen. Jetzt ist er bereit, genau das zu tun. Erst äußerte er sein Mitgefühl für seinen früheren politischen Gegner Gordon Brown, der sich darüber empört hatte,  dass Details der Krankheit seines kleinen Sohnes auf den Titelseiten der Murdoch-Zeitung die „Sun“ ausgebreitet worden waren: „Ich fühle mit Gordon und Sarah Brown, denn das Privatleben seiner Kinder in der Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen, besonders wenn sie krank sind, ist herzzerreißend für alle Beteiligten.“

Ausschuss soll Zeitungsmacher unter die Lupe nehmen

Und dann versprach er eine Untersuchung der Recherchepraktiken bei den Murdoch-Zeitungen in den vergangenen Jahren, einen richtigen Ausschuss, wo Zeugen unter Eid aussagen müssten: „Wir werden nicht ruhen, bis wir diesem scheußlichen Skandal auf den Grund gegangen sind.“

Kommentar

Medienskandal in Großbritannien
Der Skandal um die Methoden der „News of the World“ weitet sich aus, immer neue schockierende Details kommen ans Licht. Ex-Premier Brown klagte die Murdoch-Presse nun öffentlich an. Damit gab er aber auch preis, wie sehr britische Politiker vor „Sun“ und Co. kuschen – aus Angst, meint Stephan Lochner.

Die Empörung über Telefon-Hacking, bestochene Polizisten und andere illegale Formen der Informationsbeschaffung schlägt also hohe Wellen. Dahinter aber könnte der „alte Fuchs“ Murdoch die britische Politik in einer Weise austricksen, mit der sie nicht gerechnet hat. Im amerikanischen „Wall Street Journal“, das er vor kurzem kaufte, wurde die Absicht lanciert, möglicherweise einfach alle britischen Zeitungen des Imperiums zu verkaufen. Es habe sich bloß noch kein Interessent gefunden.

Schließt Murdoch auch die „Times“?

Mit der gleichen Rücksichtslosigkeit, mit der er in der vorigen Woche die „News of the World“ einfach dicht machte, könnte er jetzt das Boulevardblatt „Sun“, die „Sunday Times“ und die seriöse „Times“, das konservative Leitmedium der Briten, in den Abgrund stoßen: „Meine Angst ist, dass Murdoch entscheidet, das Spiel in Großbritannien ist vorbei und sich von der Printpresse einfach trennt. Er hat in den vergangenen Jahrzehnten die Times mit Abermillionen subventioniert – sie wäre 1981 untergegangen ohne ihn. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Käufer gibt für ein Blatt, das ohne Ende Geld verliert“, sagt der konservative Kommentator Ian Dale.

Nur die eingestellte „NoW“ und das Massenblatt „Sun“ haben immer Geld verdient – damit hat Murdoch sein seriöses Blatt , die „Times“, unterstützt. Allerdings waren auch diese Gewinne Peanuts im Verhältnis zu der halben Milliarde Pfund, die sich der Konzernchef vom florierenden Bezahlsender BSkyB erhofft. Wirtschaftlich wäre es sinnvoll, sich von den britischen Zeitungen zu trennen.

Murdoch am Ende der lachende Sieger?

Die Zukunft, so glaubt sowieso die junge Nachwuchsriege im Hause Murdoch, gehört nur noch den digitalen Medien. Außerdem würde damit die Tür geöffnet für eine spätere Übernahme des Fernsehsenders – denn die Macht des Konzerns am Medienmarkt wäre plötzlich stark geschrumpft. Es wäre für Rupert Murdoch eine erstaunliche Möglichkeit, der britischen Politik, die sich nach Jahrzehnten der Buckelei jetzt gegen ihn gewendet hat, noch einmal eine lange Nase zu drehen.

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