Murdoch weicht vor politischem Druck zurück

Der australische Medienunternehmer Rupert Murdoch lässt seinen Plan fallen, den britischen Sender BSkyB komplett zu übernehmen. Das teilte Murdochs Konzern News Corp am Nachmittag mit.

Rupert Murdoch wird fotografiert, als er seine Londoner Wohnung in einem Auto verlässt.
Vom Jäger zum Gejagten: Medienmogul Murdoch ist dieser Tage ein vielfotografierter Mann.

Die Entscheidung wurde nur kurz vor einer Parlamentssitzung bekannt, in der Murdoch von allen Parteien zum Verzicht auf die Übernahme aufgefordert werden sollte. Hinter den entsprechenden Antrag der oppositionellen Labour-Partei und der Liberaldemokraten hatte sich auch die konservative Partei von Premier David Cameron gestellt, die bislang als besonders Murdoch-freundlich galt.

Cameron begrüßte den Rückzug des Übernahmeangebots. Murdochs Unternehmen sollten sich darauf konzentrieren, den Schlamassel zu beseitigen und ihr Haus in Ordnung zu bringen, teilte sein Büro mit.

Ein Skandal, der die Presselandschaft verändert

Murdoch besitzt bislang 39 Prozent der Aktien an dem Pay-TV-Sender. Sein Plan war verstärkt in die Kritik geraten, nachdem neue Details eines Abhörskandals bekannt geworden waren. Reporter von Murdochs Boulevardblatt „News of the World“ hatten jahrelang Handys abgehört, darunter auch von Mitgliedern des Königshauses, von Verbrechensopfern und von gefallenen Soldaten. Ferner sollen Mitarbeiter des Blatts Polizeibeamte geschmiert haben, um an Informationen zu gelangen.

Der frühere britische Premierminister Gordon Brown mit Frau und Kindern
Auch über seine Familie wollten Murdochs Reporter alles wissen: Ex-Premier Brown

Zuletzt war bekannt geworden, dass auch das Mobiltelefon des früheren Premierministers Gordon Brown geknackt worden war. Daran sollen andere Zeitungen Murdochs beteiligt gewesen sein – die tägliche Boulevardzeitung „The Sun“ und die seriösere „Sunday Times“.

Die neuen Einzelheiten hatten breite Empörung in der britischen Öffentlichkeit ausgelöst und sofort zu Forderungen geführt, Murdoch solle die BSkyB-Übernahme verweigert werden. Murdoch hatte daraufhin in der vergangenen Woche bekannt gegeben, die Zeitung werde nach 168 Jahren eingestellt. Dieser Schritt wurde allgemein als Versuch gewertet, die Übernahme von BSkyB zu retten.

Aussagekräftige Personalentscheidung

Bislang durfte News Corp. sich große Hoffnungen machen, dass die Übernahme von der konservativen Regierung genehmigt werden würde. Premier Cameron hatte das Verfahren Wirtschaftsminister Vince Cable entzogen, der als Gegner des Vorhabens galt. An seiner statt sollte der konservative Kulturminister James Hunt entscheiden, der anders als Cable in der Übernahme keine Gefahr für die britische Medienlandschaft sah.

Mehrere konkurrierende Verlage, darunter die Häuser der Zeitungen „Guardian“ und des „Daily Telegraph“ hatten öffentlich protestiert und rechtliche Schritte angedroht. Hunt hatte schließlich zu Beginn der Woche auf eine direkte Entscheidung verzichtet und den Vorgang der Wettbewerbskommission zur weiteren Prüfung übergeben. Diese hätte sich über Monate hingezogen.

Ein Demonstrant in London zeigt Premier Cameron als Marionette von Murdoch
Ein Premier als Marionette Murdochs? Dieser Demonstrant hat eine klare Meinung von den Verhältnissen in London.

Murdoch ist seit Jahrzehnten der umstrittenste Verleger in Großbritannien. 1969 hatte er die „News of the World“ erworben und in der Folgezeit die Presselandschaft auf der Insel umgekrempelt. Zusammen mit dem täglichen Boulevardblatt „The Sun“ übte Murdoch massiven politischen Einfluss aus, zu dem er sich auch offen bekannte.

Ein Freund der Konservativen

Seine Zeitungen unterstützten zumeist die konservative Partei. Eine Ausnahme waren die 90er-Jahre, als die Labour Partei unter Tony Blair den Rückhalt Murdochs gewann und kurz darauf an die Macht zurückkehrte. Angesichts der publizistischen Macht von Murdoch suchten alle politischen Parteien seine Nähe aus Angst, gegen seine Zeitungen keine Wahlen gewinnen zu können.

Kommentar

Medienskandal in Großbritannien
Der Skandal um die Methoden der „News of the World“ weitet sich aus, immer neue schockierende Details kommen ans Licht. Ex-Premier Brown klagte die Murdoch-Presse nun öffentlich an. Damit gab er aber auch preis, wie sehr britische Politiker vor „Sun“ und Co. kuschen – aus Angst, meint Stephan Lochner.

Ob Murdoch zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Versuch unternehmen wird, die volle Kontrolle über BSkyB zu erlangen, ist unklar. Sein Konzern bekräftigte in seiner Erklärung, man bleibe bei der Senderfamilie langfristig engagiert und glaube weiterhin, dass alle Seiten von einer Übernahme profitiert hätten. Im derzeitigen Klima sei es aber zu schwierig geworden, die Angelegenheit voran zu treiben.

Zugleich hatten den Tag über Gerüchte die Runde gemacht, Murdoch wolle sich von seinem gesamten Zeitungsgeschäft in Großbritannien trennen. Das „Wall Street Journal“, das auch zu Murdochs Konzern gehört, meldete, News Corp sondiere das Interesse von möglichen Käufern für seine britische Zeitungsgruppe. Angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes für Printmedien habe sich bislang aber kein Kaufinteressent gemeldet.

Die Untersuchung geht weiter

Mit der heutigen Wendung ist der Skandal für Murdoch aber noch lange nicht erledigt. Am kommenden Dienstag sollen Rupert Murdoch und sein Sohn James, der Vize-Geschäftsführer von News Corp ist, sowie die Leiterin von News International, Rebekah Brooks, vor dem Medienausschuss des britischen Unterhauses Stellung nehmen. Während Brooks als britische Staatsbürgerin dazu verpflichtet werden kann, können sich Rupert und James Murdoch als US-Bürger der Befragung entziehen.

Zudem soll in Kürze neben den laufenden polizeilichen Ermittlungen eine unabhängige Untersuchung des Skandals beginnen, die Cameron in der vergangenen Woche angeordnet hatte. Der von Cameron damit beauftragte Richter Brian Leveson will zunächst die Kultur, die Praktiken und die ethischen Maßstäbe der britischen Presse sowie ihr Verhältnis zur Polizei und das Versagen der Selbstregulierung unter die Lupe nehmen. Erst danach soll untersucht werden, was bei „News of the World“ falsch lief.

Ärger droht auch in den USA

Und auch in den USA, wo Murdoch ebenfalls Zeitungen und TV-Stationen besitzt, droht ihm Ungemach. Der Vorsitzende des Handelsausschusses im US-Senat, Jay Rockefeller, warnte vor „ernsten Konsequenzen“, sollten Murdoch-Medien auch in den USA Telefone angezapft haben, beispielsweise von Opfern des 11. September 2001. Rockefeller forderte die zuständigen Behörden auf zu untersuchen, nicht auch die Privatsphäre von US-Bürgern verletzt worden ist.

Zu der Sendergruppe BSkyB gehört auch der Bezahlsender Sky Deutschland. Neben dem Fernsehgeschäft verdient BSkyB auch Geld als Telekommunikationsanbieter. Für die restlichen 61 Prozent der Anteile hatte Murdoch im vergangenen Jahr sieben Pfund pro Aktie geboten, was einer Gesamtsumme von 12,3 Milliarden Pfund (13,6 Mrd. Euro) entspricht. Bislang gehörte BSkyB einem Konsortium von Managern.

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  • Murdoch zieht Übernahmeangebot für Senderkette BSkyB zurück
  • Länge: 0:01:20
  • Datum: 2011-07-13T17:08:00.000+02:00

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