Murdoch gibt sich geschlagen

Die Briten erleben einen politischen Kulturschock: Politiker aller Parteien wenden sich öffentlich vom Medienunternehmer Murdoch ab, nachdem sie jahrzehntelang die Nähe seiner Zeitungen gesucht hatten. Murdoch reagierte schnell und zog das Übernahmeangebot für den TV-Sender BSkyB zurück.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkstudio London

Noch am frühen Nachmittag hatte das Parlament den Abhörskandal und illegale Recherchepraktiken in Rupert Murdochs Zeitungsimperium in den höchsten Tönen von Abscheu und Empörung diskutiert – kaum eine Stunde später zog der Konzernchef den Politikern den Teppich unter den Füßen weg: Er nahm sein Gebot für eine hundertprozentige Übernahme des Bezahlsenders BSkyB einfach zurück. Im gegenwärtigen politischen Klima wolle man die Übernahmepläne nicht weiterverfolgen, hieß es in einer knappen Mitteilung des Unternehmens.

Sendungsbild
Sendungsbild

  • Rückschlag für Murdoch: Parlament stellt sich gegen Übernahmepläne
  • Länge: 0:03:06
  • Datum: 2011-07-14T00:18:00.000+02:00

Damit ist weiterer Streit darüber schlicht hinfällig geworden, ob und wie man dem Vorhaben politisch Steine in den Weg legen könnte. Alle drei Parteien im Unterhaus hatten sich  zuvor auf eine gemeinsame Entschließung in dieser Frage geeinigt – die wird nun nicht mehr gebraucht. Der Medienmogul hat das getan, was ihm wohl am schwersten gefallen ist und was in der Form keiner erwartet hatte: Er gab sich angesichts des massiven politischen Gegenwinds geschlagen. 

Es ist eine Art Zeitenwende für die britische Politik, denn vierzig Jahre lang hatten Politiker hierzulande in Angst und Schrecken vor Murdoch und der Macht seiner Massenmedien gelebt – aus und vorbei.

Schelte von guten Freunden

Der britische Premierminister David Cameron im Unterhaus
Entdeckt „Schlamassel“ bei Murdoch: Premier Cameron

Auch der konservative Premier David Cameron hatte die Wut der Öffentlichkeit über Einzelheiten des Skandals im Hause Murdoch gespürt und flugs versucht, sich noch an die Spitze der Bewegung zu setzen: „Es muss einen grundlegenden Wandel in dieser ganzen Organisation geben. Und wer glaubt, was da bei ‚News of the World‘ passiert ist, ließe sich von der Übernahme von BSkyB trennen, der irrt. Hören Sie auf, an Übernahmen zu denken, bereinigen Sie den Schlamassel, den Sie angerichtet haben!“, rief der Regierungschef den Managern des Unternehmens zu.

Da waren die wohl schon dabei, die Übernahme vorerst auf Eis zu legen. Zwar ist theoretisch denkbar, sie später wieder aufleben zu lassen, doch müsste Murdoch dafür zunächst wohl die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses abwarten, der nun eingerichtet wurde. Dort werden die Zeugen unter Eid befragt – das kann Journalisten, aber auch für Polizeibeamte und Politiker noch peinliche Stunden geben.

Auch wirtschaftlich ist der geplatzte BSkyB-Deal für den Konzern ein schwerer Schlag: Bis zu einer Milliarde Pfund Gewinn werden aus den Einnahmen des Bezahlsenders erwartet. Murdoch wollte diesen Geldstrom in seine eigenen Kassen lenken.

Die Gegner jubeln

Labour-Führer Ed Miliband im britischen Parlament
Seltene Einmütigkeit mit den Konservativen: Labour-Führer Miliband

Oppositionsführer Ed Milliband nannte die Rücknahme der Pläne einen Triumph für die Öffentlichkeit. Und die Aktionsgruppen, die sich gebildet hatten, um den Abhörskandal aufzuklären, besonders auch die Vertreter der Verbrechensopfer, die von Murdochs Journalisten bespitzelt worden waren, schreiben sich die Wende durchaus als Sieg auf ihre Fahnen.

Anwalt Mark Lewis, der die Familie des ermordeten Schulmädchens Millie Dowler vertritt, dessen Handy 2002 gehackt und manipuliert worden war, sagte: „Das zeigt die Macht der Öffentlichkeit: Wie groß auch eine Organisation ist, selbst wenn sie weltweit agiert, man kann ihr Widerstand leisten.“

Ein Demonstrant in London zeigt Premier Cameron als Marionette von Murdoch
Ein Premier als Marionette Murdochs? Dieser Demonstrant hat eine klare Meinung von den Verhältnissen in London.

Ein hoher Richter wird jetzt den Ausschuss leiten, der die Aufklärung betreibt – da dürfte viel Schmutz ans Licht kommen. Dieser Skandal ist kein Sommertheater, er wird die Briten noch eine Weile beschäftigen und Folgen für die politische Kultur des Landes haben.  

Kommentar

Medienskandal in Großbritannien
Der Skandal um die Methoden der „News of the World“ weitet sich aus, immer neue schockierende Details kommen ans Licht. Ex-Premier Brown klagte die Murdoch-Presse nun öffentlich an. Damit gab er aber auch preis, wie sehr britische Politiker vor „Sun“ und Co. kuschen – aus Angst, meint Stephan Lochner.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.