Erst mal aus der Schusslinie

Von Stephan Lochner, SWR-Hörfunkstudio London

Rupert Murdoch war mal wieder schneller. Er hat nicht gewartet, bis die Abgeordneten des britischen Unterhauses sich versammelt hatten, um ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen, sondern sich vorher aus dem Gefecht zurückgezogen. Er hat der Politik viel Wind aus den Segeln genommen und sich immerhin den kleinen Triumph gegönnt, das Westminster-Parlament um eine Sitzung zu bringen, die als historisch hätte bezeichnet werden können.

Die Abgeordneten von Regierung und Opposition hatten sich vorgenommen, es Murdoch gemeinsam mal so richtig zu zeigen, ihn mit einem symbolträchtigen Votum in die Knie zu zwingen. Diese Freude hat Murdoch ihnen nicht gegönnt. Die Parlamentarier kamen zwar zusammen, doch letztlich konnten sie nicht viel mehr tun, als den Rückzieher zu beklatschen und die Einsicht Murdochs zu würdigen. Er hat sie wieder einmal nach seiner Pfeife tanzen lassen.

Verzicht auf Milliardengewinn

Der Schritt dürfte dem 80-Jährigen äußerst schwer gefallen sein. Seit Jahren schon kämpft der Medienunternehmer um die volle Kontrolle über den Bezahlfernsehender BSkyB. Der Konzern ist das Puzzle-Teil, das ihm fehlt, der Baustein, mit dem sein globales Medienimperium vollständig wäre. BSkyB ist kurz davor, die Gewinn-Marke von einer Milliarde Pfund im Jahr zu knacken. Geld, das Murdoch nur zu gerne abgreifen würde.

Noch vor zehn Tagen war das Ziel zum Greifen nahe. Das Ja der Regierung Cameron zum Milliardendeal schien reine Formsache zu sein. Doch dann musste Murdoch mit ansehen, wie die öffentliche Stimmung in Großbritannien wegen des Skandals bei der „News of the World“ gegen ihn kippte, wie Politiker, die sich neulich noch auf seiner Sommerparty getummelt und Champagner geschlürft hatten, ihm plötzlich die kalte Schulter zeigten. Murdoch musste einsehen, dass der Kampf um BSkyB keinen Sinn mehr macht – zumindest nicht jetzt.

Rückzieher bedeutet nicht Aufgabe

Für viele sieht es so aus, als ob sich Murdoch ein für alle Mal geschlagen gibt. Manch einer faselt sogar schon davon, der Medienmogul kämpfe ums Überleben. Doch das ist reichlich naiv gedacht. Sicher, Murdoch hat einen Haufen Probleme. Nicht nur in Großbritannien, auch in den USA, wo ebenfalls Ermittlungen wegen der Abhöraffäre drohen, wo einzelne Aktionäre klagen wollen. Aber Murdoch ist keiner, der kampflos aufgibt.

Mit seinem Rückzieher nimmt der gewiefte Stratege die Luft raus, er gewinnt Zeit. Er kennt die Mechanismen, er weiß, dass sich die jetzt so rasant aufgeheizte Stimmung auch schnell wieder abkühlen kann.

Viel Ärger mit Zeitungen

Vielleicht macht Murdoch jetzt das, was die britische Politik von ihm fordert: in seinem Verlagshaus „News International“ aufräumen. Vielleicht plant er an einer neuen Sonntagszeitung, um die Marktlücke zu schließen, die er mit dem Aus der „News of the World“ geschaffen hat. Vielleicht hat er zu all dem aber auch keine Lust und tut stattdessen, was seine Aktionäre schon länger verlangen: die britischen Zeitungen einfach abstoßen. Dann wäre er viel von dem Schlammassel los.

Murdoch nimmt sich und seinen Konzern erst einmal aus der Schusslinie. Niemand sollte überrascht sein, wenn der Mann eines Tages wieder da ist – mit einem neuen Gebot für BSkyB.

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