Lehrer sollen stärker auf Hinweise achten

In den vergangenen drei Jahren sind an 40 Prozent der Schulen Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden. Deshalb fordert die Missbrauchsbeauftragte der Regierung neue Schwerpunkte in der Lehrerausbildung. Pädagogen müssten stärker sensibilisiert werden. Es gebe noch zu viel Hilflosigkeit.

Von Angela Tesch, MDR, ARD Berlin

Es sind vor allem Heimkinder und Mädchen, die bis heute Opfer sexueller Übergriffe werden. Das Deutsche Jugendinstitut hat in rund 1000 Schulen, darunter in fast allen 300 Internaten, sowie in 500 Heimen Befragungen durchgeführt.

Christine Bergmann, die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, fasst die Ergebnisse zusammen: „Es sind in 40 Prozent aller Schulen in den letzten drei Jahren Verdachtsfälle bekannt geworden. Es sind sehr unterschiedliche, darunter auch Missbrauch unter Kindern und Übergriffe zwischen Jugendlichen.“ Ein Ergebnis sei auch, dass es sehr viel Hilflosigkeit im Umgang damit gebe.

Weiter viel Unsicherheit

Die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann. (Archiv)
Christine Bergmann ließ Missbrauchsfälle an Bildungseinrichtungen dokumentieren. (Archiv)

Obwohl das Tabuthema Missbrauch seit Anfang 2010 öffentlich gemacht und auf vielen Ebenen der Gesellschaft diskutiert wird, sei die Unsicherheit noch groß, betonte Bergmann im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF.

Das gelte auch für Lehrer- und Erzieherinnen, bestätigt Siegridt Baumgart von der GEW Berlin: „Das Thema nimmt fast gar keinen Stellenwert ein, es wird stark vernachlässigt. Auch im Bereich des Fortbildungskataloges für die Berliner Lehrer kommt es kaum vor. Lehrerinnen müssen sich da fortbilden. Sie müssen sich sensibilisieren für dieses Thema. Sie müssen auch lernen, mit Schülerinnen und Schülern Gespräche anzufangen, wenn es um derart sensible und intime Bereiche von Schülerinnen geht.“

Ein Klima der Offenheit und des Vertrauens schaffen

Deshalb müsse der Umgang mit sexuellem Missbrauch auch einen viel höheren Stellenwert in der Ausbildung von Lehrern und Erziehern bekommen, fordert die Unabhängige Missbrauchsbeauftragte. Mehr als die Hälfte der sexuellen Übergriffe, die in Schulen, Internaten und Heimen bekannt werden, würden das nur, weil Kinder und Jugendliche darüber sprechen. Darum sei es wichtig, die Signale zu erkennen und das Thema nicht nur hinter der verschlossenen Tür der Vertrauenslehrerin zu behandeln.

„Dass in der Schule drüber geredet wird – Lehrer mit Kindern – und hinterher kommt ein Kind und sagt: ‚Ja, sowas macht mein Opa immer mit mir.‘ Man muss ein Klima schaffen, dass Kinder sich öffnen können. Gerade die Kinder, die innerhalb der Familie missbraucht werden.“ Durch die negativen Erfahrungen in der Familie würden diese sich außerhalb Vertrauenspersonen suchen, so Bergmann.

Nach Angaben der unabhängigen Beauftragten hätten Schulen und Internate vielerorts bereits Präventions- und Schutzkonzepte erarbeitet. Auch in Sportvereinen werde genauer hingeschaut. Bergmann forderte Eltern und Erwachsene auf, auch bei Ferienfahrten Betreuern nicht blind zu vertrauen und bei Verdacht nachzufragen.

Bergmann begrüßt Ansatz der katholischen Kirche

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsskandale hat sich auch die Deutsche Bischofskonferenz auf die Fahnen geschrieben. Vor einer Woche kündigte sie zwei Forschungsprojekte gemeinsam mit dem Kriminologischen Institut in Hannover an, um verlässliche Informationen zu Vorgehensweise und Motiven der Täter und den Opfererfahrungen zu erhalten.

Bergmann begrüßte diese Absicht: „Denn wir haben hier noch lange nicht richtig aufgearbeitet. Die irische Kirche und die irische Gesellschaft haben zehn Jahre lang Untersuchungskommission gehabt. Das ist gut und wichtig, es sollten alle machen, nicht nur die katholische Kirche. Zu gucken, was war bei mir, wie sind die Mechanismen, wodurch konnte das passieren.“

An der von Bergmann initiierten Studie, die auch Einrichtungen der Kirchen mit einbezog, hatten sich alle Bundesländer außer Bayern beteiligt.

Sendungsbild
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  • Missbrauchsverdacht an 40% der deutschen Schulen
  • Länge: 0:01:26
  • Datum: 2011-07-13T17:19:00.000+02:00

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