Viele Fragen sind noch offen

Vor zwei Monaten ist in Deutschland die EHEC-Epidemie ausgebrochen. 50 Menschen starben, Tausende erkrankten – und Millionen verzichteten auf verschiedene Gemüsesorten. Seit Wochen geht die Zahl der Neuinfektionen stetig zurück, doch viele Fragen seien noch offen, warnen Experten.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

4000 Menschen sind an EHEC erkrankt, 800 davon an der schweren HUS-Form, 50 sind an den Folgen der Infektion gestorben. „Das ist der größte Ausbruch durch einen bakteriellen Erreger in den letzten Jahrzehnten“, sagt Reinhard Burger vom Robert-Koch-Institut im Gespräch mit dem NDR-Hörfunk. Es sei „ein sehr überraschender Ausbruch in seinem Umfang“. Auch wenn die Zahlen in den vergangenen Wochen immer weiter zurückgegangen sind, will Burger keine Entwarnung geben. Es sei „schon angebracht, die Hygiene-Maßnahmen wahrscheinlich für Monate gut zu beachten. Es gibt eben asymptomatische Verläufe oder Ausscheidende über mehrere Wochen, so dass also bei unzureichender Hygiene, vor allem wenn man mit Lebensmitteln zu tun hat, es zu Infektionen kommen kann.“

Die Wissenschaftler sind sich sicher: Die Sprossen aus Bockshornklee-Samen waren höchst wahrscheinlich verantwortlich für die Infektionen. Beweise dafür gibt es aber nach wie vor nicht: „Selbst in dieser Charge, die für den Ausbruch verantwortlich war, ist bisher dieser Nachweis leider nicht gelungen. Warum das der Fall ist, darüber wird im Moment noch spekuliert. Es gibt bis jetzt keinen Nachweis in diesen Samen.“

Dossier

EHEC und die Folgen
Experten stellt sie vor Rätsel, Laien beunruhigt sie: Die Welle von EHEC-Infektionen mit dem seltenen Bakterien-Typ „O104“. Wie kann man sich vor einer Ansteckung schützen? Welche Bedeutung hat die Identifizierung des Erregers? tagesschau.de hat Hintergrundinformationen dazu zusammengestellt.

Und das ist mehr als nur ein Schönheitsfehler, denn das bedeutet: Mit herkömmlichen Lebensmittelkontrollen ist das Bakterium nur schwer nachzuweisen: „Wir haben es bis auf eine Sprossentüte nie geschafft, trotz Tausender von Proben an Sprossen oder Sprossensamen, EHEC nachzuweisen – und das gibt zu denken“, sagt Bernhard Kühle, Leiter des EHEC-Krisenstabs im Bundesverbraucherschutzministerium. Hier müsse „man diagnostisch einen Schritt weiter kommen“, meint er.

Für Kühle ist jetzt die Wissenschaft am Zug: Ein neues Nachweisverfahren müsse her, sagte er im NDR-Interview. Es liege der Verdacht nahe, dass „diese geringen Keime ihr Wirken und ihre Vermehrungsfähigkeit dann erst im menschlichen Körper entwickeln“.

Es muss jetzt also eine Methode gefunden werden, um diesen Prozess im menschlichen Verdauungstrakt im Labor nachzustellen. Aber auch die Lebensmittelüberwachung ist gefordert. Er glaube, so Burger vom RKI, „man müsse jetzt Lehren ziehen und wirklich den gesamten Produktions- und Verteilungsweg nachverfolgen – insbesondere bei Lebensmitteln, die von der Verarbeitung ein besonderes Risiko mit sich bringen, wie das jetzt bei Sprossen der Fall ist“.

Konsequenzen gefordert

Burger fordert aber auch noch andere Konsequenzen: Die Meldewege müssten kürzer werden, die Informationen schneller beim Robert-Koch-Institut ankommen. Denn der erste Fall, der am 9. Mai auftrat, sei letztlich erst in der Woche vom 23. Mai an im RKI bekannt geworden. „Das heißt, man merkt dann doch erst mit einer sehr großen Verzögerung, dass sich ein Ausbruchsgeschehen anbahnt“, so Burger.

Hintergrund

Von Kompetenzen und Grenzen
Das EHEC-Krisenmanagement ist in die Kritik geraten. Langsam, unkoordiniert, verwirrend – so die Vorwürfe. Die Verunsicherung durch die vielstimmigen Aussagen zur EHEC-Krise hat strukturelle Gründe. tagesschau.de erklärt, welche Behörde wofür zuständig ist – und warum es keine zentrale Instanz gibt.

Hier sieht Burger vor allem die Ärzteschaft in der Pflicht. Die Politik habe inzwischen Konsequenzen gezogen, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr: „Dass aus Krankenhäusern über die Gesundheitsämter und die Landesstellen nach Berlin ins Robert-Koch-Institut teilweise auf dem Postweg gemeldet wurde, ist in solchen Situationen nicht mehr zeitgemäß. Da müssen wir die heutigen Kommunikationswege wie E-Mail und Internet nutzen. Ich habe die Länder überzeugt, dass wir die Meldeverfahren jetzt ändern und damit zügigere Meldungen haben.“

Doch auch dann ist klar: Eine hundertprozentige Sicherheit wird es bei Lebensmitteln nie geben.

Original, Google Cache, archive.org

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