Leo Kirch ist tot

Der Medienunternehmer Leo Kirch im Alter von 84 Jahren in München gestorben.

Kirch hatte über Jahrzehnte eines der größten deutschen Medienimperien aufgebaut, zu dem unter anderem der Bezahlsender Premiere (inzwischen Sky), die Fernsehsender ProSieben, Sat.1, DSF (inzwischen Sport 1), N24 und eine riesige Filmbibliothek gehörten. Zu seinen Hochzeiten beschäftigte Kirchs Konzern fast 10.000 Menschen.

Die Insolvenz seines Konzerns 2002 war eine der größten Unternehmenspleiten Deutschlands. Kirch machte den damaligen Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer dafür verantwortlich und forderte Schadensersatz in Milliardenhöhe. Breuer hatte in einem Interview Kirchs Kreditwürdigkeit in Zweifel gezogen. Die Prozesse Kirchs gegen die Deutsche Bank sind noch immer nicht abgeschlossen.

Kirch, der in Betriebswirtschaft promoviert hatte, war bis zuletzt unternehmerisch tätig. Der zurückgezogen lebende Unternehmer hinterlässt seine Frau Ruth und einen Sohn. Er soll Diabetiker gewesen sein.

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  • Medienunternehmer Leo Kirch gestorben
  • Länge: 0:01:22
  • Datum: 2011-07-14T14:28:00.000+02:00

Ein „Mann der ersten Stunde“

Als einen „Visionär“ würdigte die ARD-Vorsitzende Monika Piel den verstorbenen Medienunternehmer. Er sei „ein Mann der ersten Stunde“ gewesen, der die deutsche Medienlandschaft nachhaltig geprägt habe. Nach Ansicht des Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, „verliert Deutschland mit Leo Kirch einen großen, äußerst mutigen und für den Medienstandort Bayern und Deutschland prägenden Unternehmer“.

Auch der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) trauert um „den Gründungsvater des privaten Fernsehens in Deutschland“. Präsident Jürgen Doetz sagte: „Ohne den unternehmerischen Weitblick und den Mut von Leo Kirch wäre der erfolgreiche Start und der Aufbau des privaten Fernsehens 1984 in Deutschland nicht möglich gewesen.“ Als „Vorreiter des deutschen Privatfernsehens“ bezeichnete auch der Chef der RTL Group, Gerhard Zeiler, den Verstorbenen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer würdigte Kirch als Geschäftsmann mit Visionen und Mut zum Risiko. Er sei „vom Filmhändler zum Motor des privaten Rundfunks in Deutschland“ geworden. Und Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber nannte Kirch einen „beeindruckenden Unternehmer, den auch Rückschläge nicht vom Weg abgebracht haben“. Die FDP-Bundestagsfraktion würdigte Kirch als „schillernden und prägenden Gestalter der deutschen Medienlandschaft“.

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  • NDR-Medienexperte Kuno Haberbusch zum Tod Leo Kirchs
  • Länge: 0:03:22
  • Datum: 2011-07-14T15:46:00.000+02:00

Einer der ersten Filmhändler

Seine ersten unternehmerischen Lorbeeren sammelte der Franke Kirch Anfang der 50er-Jahre, als er seinen Fußballverein auf Vordermann brachte. Wenig später kam er auf eine Geschäftsidee, die sein späteres Imperium erst ermöglichte: Er stieg in den Handel mit Filmrechten ein, kaufte in Italien für 130.000 Mark die Rechte für eine Handvoll italienischer Spitzenfilme, darunter „La Strada“.

Es folgte Hollywood: Kirch erwarb das Vertrauen der amerikanischen Studiobosse und kaufte seine ersten Filmpakete. Diese Kontakte waren auch später immer wieder Gold wert.

1960 konnte Kirch der ARD erstmals rund 700 Filme verkaufen, darunter auch Streifen, die noch nicht im Kino gelaufen waren. Sein Liefermonopol baute Kirch ab 1963 mit seinen Firmen Beta und Taurus-Film zielstrebig aus.

Leo Kirch
Kirch fing als Manager eines Sportvereins an.

Nach dem ZDF-Sendestart 1963 hatte Kirch einen neuen Kunden, der dringend Programm brauchte. Das Spiel vom Geben und Nehmen, die feine Klaviatur persönlicher Beziehungen und das Durchziehen knallharter Geschäfte, das war Kirchs Erfolgsrezept in den 70er-Jahren.

Anfang der 80er-Jahre kam Kirchs Alleinstellung in den USA ins Wanken, die ARD kaufte dort ohne ihn ein, selbst eine Millionen-Klage konnte das nicht verhindern.

Schlüsselfigur des Privatfernsehens

Die Gründung erster Privatsender brachte Kirch nicht nur neue Kunden. Der ehrgeizige Filmhändler erwarb eine Vielzahl von Beteiligungen und wandelte sich vom Filmkaufmann zum Medienmogul.

Männerfreundschaften mit Spitzenpolitikern – etwa Altkanzler Helmut Kohl – waren sicher nicht von Nachteil, als er nach und nach ins Privatfernsehen und in den Springer-Konzern einstieg. Finanziert mit großzügigen Bewertungen seiner Filmarchive durch die Großbanken gelang es Kirch in den 90er-Jahren, eine umfangreiche Produktions- und Sendefamilie zu erwerben.

Seine nächste Vision war das Bezahlfernsehen. Aber das ist trotz begehrter Fußball- und Formel-1-Rechte bisher in Deutschland kein Erfolg. Im April 2002 meldete die Kirch Media AG Insolvenz an, wenige Monate später auch die Dachgesellschaft Taurus-Holding und andere Kirch-Beteiligungen.

2007 kehrte Kirch ins Mediengeschäft zurück mit der Beteiligung an der EM.Sport Media, später in Constantin Media umbenannt.

Kirchs Pleite – eine Chronik

1956: Kirch eröffnet ein Filmhandels-Geschäft. Für ARD und ZDF wird er zum wichtigen Filmlieferanten. 1985: Kirch gründet mit mehreren Verlagen zusammen den ersten Privatsender Sat.1. 1997: Kirchs Sender ProSieben geht an die Börse. 1999: Silvio Berlusconi stiegt beim Film- und Sportrechtehandel KirchMedia ein. 2000: Rupert Murdoch steigt bei Kirchs defizitärem Abosender Premiere ein. ProSiebenSat.1 geht an die Börse. Sommer 2001: Kirch kauft die Formel-1-Rechte. Dezember 2001: Spekulationen über akute Geldnöte Kirchs. Murdoch bestreitet Pläne für eine feindliche Übernahme. Januar 2002: Die Dresdner Bank fordert einen 460-Millionen-Euro-Kredit zurück. Springer will ProSiebenSat.1-Anteile für 770 Millionen Euro zurückgeben. Der Kirch-Konzern beziffert seine Schulden auf 6,1 Milliarden Euro. Februar 2002: Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer bezweifelt Kirchs Kreditwürdigkeit. ProSiebenSat.1 meldet einen Gewinneinbruch. Murdoch kündigt seinen Ausstieg bei Premiere an und fordert 1,6 Milliarden Euro zurück. 8. April 2002: KirchMedia meldet Insolvenz an. 8. Mai 2002: KirchPayTV meldet Insolvenz an.

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