Warum Investoren nach Nigeria schielen

Nigeria ist dank großer Ölvorkommen ein reiches Land. Trotzdem gibt es keine funktionierende Energieversorgung. Ständig fällt der Strom aus. Präsident Jonathan will das Thema nun zur Chefsache machen. Das bietet Chancen für deutsche Investoren.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Westafrika

Nigerianischer Händler verkauft Stromgeneratoren
Ohne geht nichts – jeder braucht Stromgeneratoren

Der Dieselgenerator dröhnt auf der Terrasse von Ade Bantu. Der deutsch-nigerianische Musiker ist kürzlich nach Lagos gezogen. Er gewöhnt sich nur langsam an den Lärm. Nachts schalte ich ihn meistens aus. Aber das nützt nichts, weil alle meine Nachbarn ihre Aggregate laufen lassen. Jeder hat das. Also herrscht ständiger Lärm.“

Ohne den Generator läuft nichts: keine Klimaanlage, kein Kühlschrank, keine Klingel. Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft liefert vielleicht zwei Stunden pro Tag Strom. Und das auch nur unregelmäßig, denn die Kraftwerke und Stromleitungen in Nigeria sind leistungsschwach und marode.

Stadtwerke Berlin produzieren mehr Strom als Nigeria

Ausgerechnet das Öl- und Gasland Nigeria schafft es nicht, seinen Strombedarf zu decken. 140 Millionen Menschen müssen mit gerade einmal 3000 Megawatt Strom auskommen. Zum Vergleich: Allein die Stadtwerke von Berlin generieren in ihren Anlagen mehr als viermal so viel Energie.

Ginge es nach dem Berater Henning Nothdurft, sollte sich das aber bald ändern. „Wenn man das nur auf ein mittleres Niveau bringen würde, dann würde das bedeuten, dass hier bis zu 50.000 Megawatt zu installieren wären. Das entspricht etwa hundert Kraftwerken. Das ist ein Potenzial, das es in Afrika sonst nirgendwo gibt. Und darum sind wir hier.“

Know how gegen Flüssiggas

Zwischen Deutschland und Nigeria besteht seit drei Jahren eine Energiepartnerschaft. Und die läuft so: Deutschland hilft, in Nigeria die Energieversorgung aufzubauen – und bekommt im Gegenzug eines Tages nigerianisches Flüssiggas. Das käme der deutschen Regierung gelegen, denn sie möchte bei den Gasimporten nicht mehr so stark von Russland abhängen.

Ob deutsche Firmen jedoch tatsächlich den Zuschlag für den Bau von Kraftwerken bekommen, ist völlig offen. Die Konkurrenz ist groß – besonders aus China. Doch gerade bei den erneuerbaren Energien hat Deutschland gute Chancen, sagt André Rönne, Leiter des Delegiertenbüros der Deutschen Wirtschaft in Nigeria: „Hier hat Deutschland eine Vorreiterrolle auf dem Weltmarkt, was die Entwicklung und Adaptierung solcher Energien angeht. Deutschland könnte sicherlich auch für Nigeria außerhalb des traditionellen Bereiches Wasserkraft viele interessante Lösungen anbieten.“

Stromproduktion soll sich verdreifachen

Händler verkaufen Diesel in Kanistern
Nigeria braucht Sprit für Millionen Stromgeneratoren

Die Energiepartnerschaft kam bisher aber nur schleppend in Gang. Die nötigen Gesetze lagen in Nigeria auf Halde – was auch mit der langen Krankheit des mittlerweile verstorbenen Ex-Präsidenten Umaru Musa Yar’Adua zu tun hat. Nun, mit dem neuen Präsidenten Jonathan könnten die Dinge wieder in Bewegung kommen. Er hat angekündigt, die Stromversorgung bis 2013 zu verdreifachen, und eine neue Behörde gegründet, die sechs Stromproduzenten und elf Stromversorger privatisieren soll.

Das Projekt wird nicht ohne Folgen bleiben – und nicht ohne Gegner: Beschäftigte fürchten um ihren Arbeitsplatz, korrupte Beamte um Bestechungsgelder. Außerdem dürften Preiserhöhungen auf die Verbraucher zukommen. Und dann ist da noch die Ölmafia, die den Sprit für die Millionen von Generatoren liefert – und kein Interesse an einer funktionierenden Stromversorgung haben dürfte. Doch dem Präsidenten ist klar: Seine Zukunft und die seines Landes hängen davon ab, ob künftig Strom aus der Dose kommt.

Original, Google Cache, archive.org

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