Neuer Präsident – alte Probleme

Bei ihrem Besuch in Nigeria ist Bundeskanzlerin Merkel auf einen Mann getroffen, der seinem Land neue Hoffnung geben will. Seit Mai 2010 kämpft Präsident Jonathan mit Herausforderungen wie Korruption, Terror und Gewalt.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Westafrika

Der nigerianische Präsident Jonathan Goodluck
Die Erwartungen an Jonathan Goodluck sind groß.

Goodluck Jonathan ist überall. Der Mittfünfziger mit dem weichen Gesicht und dem schwarzen Hut lächelt von riesigen Plakatwänden auf vielen Straßen in Nigerias Hauptstadt Abuja. Im April haben die Nigerianer Jonathan zum Präsidenten gewählt. Vorher war er ein knappes Jahr kommissarisch im Amt. Die Erwartungen sind riesengroß.

Auch bei Alex, dem Stoffhändler vom Wuse Market. „Das war die beste und fairste Wahl, die wir in Nigeria je hatten. Auch viele Muslime im Norden haben für Jonathan gestimmt, obwohl er eigentlich der Kandidat des christlichen Südens war. Jonathan ist eben der Präsident aller Nigerianer. Jetzt soll er uns ins Gelobte Land führen.“ Alex lacht, als er das sagt.

Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht – erst recht in Nigeria. Findet auch Andrew Harouna, Sprachwissenschaftler an der Universität von Kano. Wenn er über Nigeria spricht, beginnt er gern mit einem Witz. „Der Präsident der USA steht vor dem lieben Gott und fragt: Wie lange brauche ich, um Amerikas Probleme zu lösen? Gott antwortet: Du kannst es in zwei Legislaturperioden schaffen. Dann fragt der nigerianische Präsident: Gott, wie lange brauche ich, um Nigeria auf einen guten Weg zu bringen? Und Gott wendet sich ab und fängt an zu weinen.“

Analphabetismus und religiöse Konflikte 

Nigerias neuer Staatslenker steht vor schier unlösbaren Aufgaben – manche vergleichen Jonathan mit dem griechischen Helden Sisyphos, dessen Stein immer wieder den Berg hinab rollt. In Nigeria, dem Vielvölkerstaat mit 150 Millionen Menschen, sind es gleich mehrere Steine. Politik und Wirtschaft sind von Korruption zerfressen, die Arbeitslosigkeit ist hoch, besonders auf dem Land können viele Menschen weder lesen noch schreiben.

In Bundesstaaten wie Plateau oder Kaduna gehen Christen und Moslems aufeinander los. Im Nigerdelta, wo fast 50 Jahre Ölförderung die Umwelt ruiniert haben, kämpfen Rebellen gegen die Regierung – für eine gerechte Verteilung der Öl-Erträge.

Immerhin: Klaus Pähler, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Abuja, sieht zumindest hier Chancen für eine Lösung. „Wenn man wirklich dafür sorgen würde, dass im Süden eine spürbare Entwicklung stattfindet, dass es Ausbildung gibt für junge Leute, Fabriken etc., dann wäre meines Erachtens dieser Stachel des Konflikts gezogen. Im Norden ist das anders – gerade diese Gruppe Boko Haram, die radikalen Moslems, die kann man nicht kaufen. Und das macht diesen Konflikt im Norden gefährlicher und bedrohlicher.

Jonathan soll islamistische Sekte bekämpfen

Männer beim Gebet in der nigerianischen Hauptstadt Abuja
Über 50 Prozent der Nigerianer sind Muslime

Boko Haram, der islamistischen Sekte, die westliche Bildung ablehnt und das islamische  Recht der Scharia einführen will, werden sogar Verbindungen zu Al Kaida nachgesagt. Die Gruppe verübt seit Wochen einen tödlichen Anschlag nach dem anderen. Zum Beispiel auf das Polizeihauptquartier in Abuja oder auf Biergärten in Maiduguri.

Jonathans Vorgänger Umaru Musa Yar’Adua war es nicht gelungen, die Sekte in den Griff zu bekommen. Nun wird von Jonathan erwartet, dass er Boko Haram erfolgreich bekämpft. Überhaupt: Der Neue soll es richten – im Norden wie im Süden.

Eine maßlose Überschätzung von Person und Amt glaubt Professor Andrew Harouna. Selbst wenn der oberste Sisyphos des Landes es schaffen sollte, auch nur einen der vielen Steine nach oben zu rollen: Er könnte ihn nicht alleine oben halten. Erst recht nicht in Nigeria. „Jonathan ist auch nur ein Mensch – wir alle müssen Jonathans sein. Wenn er scheitert, sind wir alle gescheitert. Wir alle tragen Verantwortung für diesen Staat. Alle Nigerianer müssen dazu beitragen, dass sich die Dinge hier ändern.“

Original, Google Cache, archive.org

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