„Es fehlen noch 50.000 Studienplätze“

Abitur-Doppeljahrgang und Wegfall der Wehrpflicht – die Universitäten erleben einen Zulauf wie nie zuvor. Gestern endete die Bewerbungsfrist für viele Studiengänge. Der Hochschulpakt soll Abhilfe schaffen. Doch der reicht nicht, sagt Hochschulrektorenkonferenz-Präsidentin Wintermantel im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Sie rechnen mit rund 500.000 Studienanfängern für dieses Wintersemester. Wie viele davon lassen sich auf die Abitur-Doppeljahrgänge in Bayern und Niedersachsen und den Wegfall der Wehrpflicht zurückführen?

Margret Wintermantel: Um die Zahlen des Hochschulpakts als Vergleich anzuführen: Zum Wintersemester 2005 haben sich 360.000 junge Menschen für ein Studium an einer deutschen Hochschule eingeschrieben. Wir gehen davon aus, dass es in diesem Jahr also noch einmal 140.000 Studieninteressierte zusätzlich geben wird. Das sind allerdings nur Schätzungen. Wie viele Bewerbungen dann wirklich eingehen, kann noch niemand absehen.

Zur Person

Prof. Dr. Margret Wintermantel ist seit 2006 Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie vertritt damit die Interessen von etwa 260 Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland. Wintermantel studierte Sozialpsychologie und leitete bis 2006 die Universität des Saarlandes.

tagesschau.de: Sind die Universitäten auf diesen großen zusätzlichen Andrang vorbereitet?

Wintermantel: An den deutschen Universitäten wird es ganz sicher eng werden. Doch die Hochschulen wissen, was auf sie zukommt. Seit Monaten bereiten sie Maßnahmen vor, um die zusätzlichen Studienbewerber aufzufangen. So wird man mehr Tutorien einführen, Lehraufträge erteilen und zusätzliche Räume anmieten. Die Situation ist beherrschbar.

tagesschau.de: Wird ein durchschnittlicher Abiturient auch in Zukunft Fächer mit einem hohen Numerus Clausus wie Psychologie oder Medizin studieren können?

Wintermantel: Die Situation sollte auch in diesen bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern einigermaßen stabil bleiben. Genauer werden wir es aber erst wissen, wenn klar ist, wie sich die Bewerberinnen und Bewerber auf die Fächer verteilen.

„Der Hochschulpakt ist zu knapp berechnet“

tagesschau.de: Mit dem Hochschulpakt möchte die Bundesregierung die Länder unterstützen, das Problem der Doppeljahrgänge in den Griff zu bekommen. Kann das gelingen?

Wintermantel: Der Hochschulpakt ist ein wichtiges Signal. Es war richtig von der Politik zu sagen: Wir brauchen gut ausgebildeten Nachwuchs und dafür muss unser Land auch investieren. Ich habe allerdings immer schon darauf hingewiesen, dass der Hochschulpakt zu knapp berechnet ist. Lassen Sie es mich so sagen: Es ist positiv, dass der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern realisiert wird, aber er reicht nicht aus.

tagesschau.de: Was müsste denn noch dazukommen?

Wintermantel: Für dieses Wintersemester sind bisher erst 90.000 neue Plätze geschaffen worden. Es bleiben also noch ungefähr 50.000 Plätze unfinanziert. Dafür fordern wir die zusätzlichen Mittel. Es geht dabei nicht nur darum, dem Einzelnen einen Studienplatz zu sichern, es geht um die Zukunft der Volkswirtschaft. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es einen dramatischen Fachkräftemangel und es braucht dringend mehr Hochschulabsolventinnen und -absolventen.

Hochschulpakt 2020

Mit dem im Jahr 2007 beschlossenen Hochschulpakt hat die Bundesregierung auf den zu erwartenden Anstieg an Studienbewerber bis 2020 reagiert. In einer ersten Phase haben Bund und Länder dazu bis 2010 finanzielle Mittel für 90.000 neue Studiengelegenheiten bereitgestellt. 2009 wurde die Fortsetzung des Hochschulpakts bis 2015 beschlossen. Durch Infrastrukturausbau und Personalaufstockung sollen so weitere 275.000 zusätzliche Studienplätze an deutschen Universitäten geschaffen werden. Die Bundesregierung stellt dafür etwa fünf Milliarden Euro zur Verfügung. Damit sollen vor allem die Auswirkungen der Abitur-Doppeljahrgänge aufgefangen werden.

tagesschau.de: In den kommenden Jahren sollen durch den Hochschulpakt die Ausgaben pro Studienanfänger von 22.000 Euro auf 26.000 Euro erhöht werden, wobei der Bund die Hälfte übernehmen will…

Wintermantel: Das ist sehr erfreulich, aber das entspricht immer noch nicht den Durchschnittskosten eines Studienplatzes, geschweige denn denen für einen Medizin-Platz.

„hochschulkompass.de kann neue Perspektiven eröffnen“

tagesschau.de: Das heißt auch in Zukunft wird es volle Hörsäle und überfüllte Seminare geben?

Wintermantel: Mit Sicherheit. Was ich allerdings gut finde ist, dass sich die Studieninteressierten in diesem Jahr offensichtlich sehr genau über ihre Studienmöglichkeiten informieren. Ich habe mir heute noch mal die Zahlen der Zugriffe auf unsere Informationsplattform hochschulkompass.de angeguckt: Im Juni allein waren es 176.000 Zugriffe auf die Seite. Erfreulich ist, dass die Studieninteressierten feststellen, wie reichhaltig das Angebot an Studienmöglichkeiten ist.

Studenten sitzen in einem Hörsaal
Volle Hörsäle und überbelegte Seminare – auch der Hochschulpakt 2020 wird nach Ansicht von HRK-Präsidentin Wintermantel daran nichts ändern.

tagesschau.de: 2010 waren mit 2,2 Millionen Studenten so viele Menschen wie noch nie an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Doch während in den alten Bundesländern teilweise auf einen Studienplatz zehn Bewerber kamen, blieben viele Plätze an ostdeutschen Universitäten unbesetzt. Wie kann es gelingen, den Osten als Bildungsstandort attraktiver zu machen?

Wintermantel: Die Bildungsstandorte dort sind attraktiv, meist hervorragend ausgestattet und mit guter Betreuung. Sie haben aber immer noch mit Vorurteilen und mangelnder Flexibilität der jungen Leute zu kämpfen. Ein Blick in hochschulkompass.de kann da neue Perspektiven eröffnen. Ich rate jedem Studierwilligen, sich auch über Studiengänge an ostdeutschen Universitäten zu informieren.

Das Interview führte Lucas Lamberty für tagesschau.de.

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