Belgien macht das Licht aus

Ausgerechnet das kleine Belgien konnten Astronauten vom Weltraum aus erkennen: Denn dort brannte die ganze Nacht lang Licht auf allen Autobahnen. Damit soll nun Schluss sein, die Dauerbeleuchtung ist zu teuer. Nur noch die wichtigsten Verkehrknotenpunkte werden in das orangefarbene Licht getaucht.

Von Christoph Prössl, NDR-Hörfunkkorrespondent Brüssel

Für Otto Augustson ist die Sache klar: Die Lichter auf den belgischen Autobahnen machen das Fahren angenehmer. Der Pendler fährt jeden Tag zur Arbeit von Brüssel nach Charleroi im Süden des Landes. „Vor allem, wenn das Wetter schlechter ist, bei Nebel zum Beispiel, oder wenn viel Verkehr ist – da fällt mir der Unterschied auf“, sagt er. „Es ist deutlich angenehmer mit mehr Licht – gerade hier in Belgien, wo Autos oft mit Abblendlicht fahren oder auch mal ein Scheinwerfer ausfällt.“

So wie Otto Augustson denken viele Belgier. Seit 1950 beleuchtet der belgische Staat seine Autobahnen im markanten Orange. Damals führte die Verwaltung die Beleuchtung ein, um die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren. Doch Statistiken belegen nicht, dass mehr Licht auch mehr Sicherheit bringt, mitunter sogar das Gegenteil: „Die Beleuchtung verleitet dazu, schneller zu fahren und mehr Risiken einzugehen“, sagt Benoit Godart vom belgischen Institut für Straßensicherheit. „Natürlich ist der Vorteil der Beleuchtung, dass der Fahrer mehr sieht. Aber grundsätzlich gilt, dass die Beleuchtung kein ausschlaggebender Faktor bei Unfällen ist.“

Belgische Autobahn bei Nacht
Das orangefarbene Licht sieht man künftig nur an wichtigen Kreuzungen.

Die Hauptursachen für Verletzte und Tote im Straßenverkehr seien vielmehr zu hohe Geschwindigkeit, Alkohol am Steuer und dass Personen sich nicht anschnallen, sagt Godart. Beim ADAC ist man der gleichen Ansicht. Der Verkehrsexperte Jürgen Berlitz geht davon aus, dass der Sicherheitsgewinn durch Beleuchtung so gering ist, dass sich der Aufwand nicht lohnt.

Hoher Aufwand, wenig Nutzen

Es ist ein hoher Aufwand: Die Beleuchtung kostet viel Geld. Belgien hat über die Jahre 150.000 Masten mit rund 335.000 Lampen entlang seiner Straßen aufgestellt. Im südlichen Landesteil, der Wallonie, waren 750 Autobahnkilometer beleuchtet. Waren, denn die Wallonie hat bereits seit Jahresbeginn für viele Stunden in der Nacht den Strom abgedreht. Gegenüber 2010 spart die Wallonie so 9,5 Millionen Euro ein. Ein durchschnittlicher Atomreaktor muss für diese Strommenge vier Tage laufen.

Jetzt schalten auch die Flamen im nördlichen Landesteil nachts ab. Mit Ausnahmen: „Die Kreuzungen bleiben beleuchtet, denn dort kommt es eher zu Unfällen“, sagt Benoit Godard vom Institut für Straßensicherheit. Rund die Hälfte des flämischen Autobahnnetzes soll von heute Nacht an nicht mehr beleuchtet sein. Im Verkehrsministerium heißt es, wenn es keine Probleme gebe, könnte die Verwaltung das Licht auf noch mehr Kilometern abschalten. Über neue energiesparende Lampen wird in den belgischen Ministerien derzeit nicht nachgedacht. In den Niederlanden beispielsweise führt ein Elektronikkonzern Versuche mit LED-Straßenlaternen durch. Doch dafür fehlt dem hoch verschuldeten Belgien das Geld. Eine Maut ist beschlossen, ab 2013 sollen Autofahrer für jeden gefahrenen Kilometer zahlen. Doch mit den Einnahmen, heißt es im Ministerium, müssten erst einmal die Schlaglöcher geschlossen werden.

Original, Google Cache, archive.org

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