Weniger Spendernieren nötig als befürchtet?

Die Zahl der EHEC-Patienten mit Langzeitschäden ist offenbar geringer als befürchtet. Trotz mehr als 4200 Infektionsfällen in den vergangenen zweieinhalb Monaten rechnet die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) mit keinem stark wachsenden Bedarf an Nierenspendern.

„Wegen der EHEC-Epidemie entsteht kein wesentlich höherer Organspendenmangel in Deutschland, als vor dem gefährlichen Darmkeim ohnehin schon herrschte“, sagte DGfN-Sprecher Jan Galle gegenüber der Nachrichtenagentur dapd. Die Fachärzte rechnen derzeit mit 50 bis 100 dialysepflichtigen Patienten als Folge der Erkrankungswelle. Dies sei aber nur ein geringer Anstieg im Vergleich zu den derzeit 65.000 dialysepflichtigen Patienten bundesweit, sagte der Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid.

EHEC-Patienten werden nicht bevorzugt

Zwar könnte sich für diese Patienten eine Nierentransplantation auf ihr weiteres Leben positiv auswirken. Sie würden aber gegenüber den 8000 Menschen, die bereits auf der Warteliste stünden, nicht bevorzugt behandelt. Darüber hinaus sei eine Transplantation erst dann sinnvoll, wenn die Nieren irreparabel beschädigt seien. Dies eindeutig festzustellen, könne bis zu sechs Monate Zeit dauern, denn in diesem Zeitraum bestehe noch Hoffnung, dass die beschädigte Niere sich erhole, sagte Gallet.

Wie viele EHEC- oder HUS-Erkrankte derzeit deutschlandweit dialysepflichtig sind, ist Galle zufolge unklar. Erst eine für August dieses Jahres geplante Registerauswertung werde verlässliche Angaben liefern. Ambulant werden Galle zufolge alle seit Ausbruch der Epidemie mit EHEC infizierten Patienten noch betreut. „Dies ist medizinischer Standard“, sagte er.

Nur noch wenige Patienten in den Kliniken

Mehr als zwei Monate nach dem Beginn der EHEC-Epidemie haben die meisten Patienten in Norddeutschland die Kliniken mittlerweile verlassen können. Am Hamburger Universitätsklinikum-Eppendorf (UKE) ist die Zahl der Patienten von insgesamt 140 auf derzeit sieben zurückgegangen, sagte Sigrid Harendza, Oberärztin der nephrologischen Abteilung. Mehr als 100 würden weiter ambulant betreut. „Das Wichtigste ist, die Patienten in der Nachsorge engmaschig zu betreuen, um den Verlauf ihrer Nierenfunktion mittels Blut- und Urinwerten zu kontrollieren“, sagte die Nierenärztin. Die Dauer der ambulanten Behandlung könnte sich aber je nach Werten von einigen Monaten auf bis über ein Jahr hinziehen.

Eine Krankenpflegerin betreut eine an dem EHEC-Erreger erkrankte Patientin
Eine Krankenpflegerin betreut in Lübeck auf der Internistischen Intensivstation des Universitätskrankenhauses Schleswig-Holstein eine an dem EHEC-Erreger erkrankte Patientin. (Archivbild)

„Wir waren am Limit“

Im UKE hatte das Personal wegen der unerwartet hohen Zahl an Patienten und der Schwere der Erkrankungen große logistische Herausforderungen zu meistern. So musste die Zahl der Plasmaaustausch-Behandlungen bei HUS-Patienten innerhalb weniger Tage von täglich bis zu zwei auf 40 erhöht werden, sagte Harendza.

Auch in den Asklepios Kliniken in Hamburg seien die allermeisten EHEC-Patienten inzwischen entlassen worden, sagte Sprecher Mathias Eberenz. Am Standort Barmbek, wo etwa 300 Patienten stationär behandelt wurden, konnte diese Woche der letzte EHEC-Patient nach Hause gehen. Schätzungsweise zehn Prozent der Betroffenen müssten aber wegen neurologischer Symptome oder Nierenschäden ambulant weiterbehandelt werden. Für die übrigen Standorte liegen den Angaben zufolge noch keine genauen Zahlen vor. „Wir waren am Limit“, sagte Eberenz. „Die Epidemie ist gerade noch rechtzeitig abgeebbt.“

Dossier

EHEC und die Folgen
Experten stellt sie vor Rätsel, Laien beunruhigt sie: Die Welle von EHEC-Infektionen mit dem seltenen Bakterien-Typ „O104“. Wie kann man sich vor einer Ansteckung schützen? Welche Bedeutung hat die Identifizierung des Erregers? tagesschau.de hat Hintergrundinformationen dazu zusammengestellt.

Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) befinden sich noch neun Menschen mit HUS sowie ein EHEC-Fall in stationärer Behandlung, wie ein Sprecher sagte. Insgesamt seien mehr als 350 Menschen wegen des Erregers behandelt worden, davon etwa 150 Patienten stationär. Laut UKSH betragen die Mehrkosten durch EHEC mindestens 2,8 Millionen Euro.

Auch in Niedersachsen befanden sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums nur noch wenige der 147 HUS-Patienten in Krankenhäusern. In den vergangenen drei Wochen erkrankten nur noch drei Menschen an HUS. Die Gesamtzahl der seit Beginn der Epidemie gezählten EHEC- und HUS-Patienten stieg binnen der vergangenen drei Wochen um 70 auf 837 an. Die meisten HUS-Patienten seien mittlerweile als geheilt entlassen worden, ohne dass bleibende Schäden zu befürchten seien. Allerdings erlagen in Niedersachsen auch 15 Patienten der Epidemie, beinahe jeder dritte der laut Robert-Koch-Institut bundesweit 48 Todesfälle.

Kaum noch Neuinfektionen

Auch in anderen Bundesländern scheint die Epidemie überwunden. Nach Angaben des Sozialministeriums in Hessen wurde die letzte Erkrankung mit dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) vor zwei Wochen gemeldet. Auch Thüringen hat den Höhepunkt der Erkrankungswelle offenbar überstanden. „Alles deutet darauf hin, dass sich das Geschehen wieder auf dem Niveau der Vorjahre normalisiert“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Zuletzt sei am 21. Juni eine Infektion mit der besonders aggressiven Variante des Darmkeims gemeldet worden. Danach seien lediglich Erkrankungen mit weniger gefährlichen Bakterientypen registriert worden.

Das RKI wies allerdings darauf hin, dass bei der Suche nach der Ursache der Epidemie noch viele Fragen offen seien.

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