Wenn aus Wohnidyllen radioaktive Hotspots werden

Vier Monate nach dem Super-GAU in Fukushima bemühen sich die Japaner weiter um so etwas wie Normalität. Doch das ist schwierig, denn sie trauen den offiziellen Angaben zur Radioaktivität nicht. Viele kaufen deshalb eigene Geigerzähler und stellen ihre Messergebnisse ins Web.

Von Nils Kinkel, ARD-Hörfunkstudio Tokio

In den Geigerzähler hat Yuka Sasaki rund 600 Euro investiert. Jetzt meldet er einen Alarm. Und dabei befinden wir uns nicht im 20 Kilometer Sperrgebiet rund um den Katastrophenmeiler, sondern 200 Kilometer südlich von Fukushima auf einem Spielplatz in Kashiwa.

Regen und Wind mit Partikeln von radioaktivem Cäsium und Jod haben aus dem idyllischen Wohngebiet einen Hotspot gemacht. Die Strahlung lag teilweise bei 0,8 Mikrosievert pro Stunde, ein Wert der acht Mal höher ist als zum Beispiel in München. Jetzt geht der Wert langsam zurück.

Unsicherheit ist groß

Frau Sasaki hat den Verlauf der Strahlung genau verfolgt: „In einem Schwimmbad in einem privaten Kindergarten haben wir schon vier Mikrosievert pro Stunde gemessen, damit ist der Grenzwert für Kinder überschritten. Danach wurde das Wasser gereinigt von den Kindergärtnern und Eltern. Wir haben dann wieder gemessen und der Wert ging zurück.“

Mütter in Japan kontrollieren die Radioaktivität
Weil die Behörden nicht ausreichend informieren, geht Yuka Sasaki nur noch mit Messgerät und Handy aus dem Haus.

Mütter in Japan kontrollieren die Radioaktivität
Mit dem Messgerät in der Sandkiste – Yuka Sasaki (28) veröffentlicht die Messwerte über Twitter

Sportplätze, Sandkisten, Sitzbänke – nirgends fühlen sich die jungen Familien sicher. Und deshalb misst Frau Sasaki selber und stellt die Messwerte für ihre Nachbarn ins Internet: „Das ist wie ein Tagebuch. Morgens messe ich zuhause, dann draußen auf der Straße in der Höhe von einem Meter. Und dann veröffentliche ich die Zahlen auf Twitter.“

Messewerte und Tipps im Web

Im Web kann jeder nachlesen, was die Schulen bereits gereinigt haben und wie gefährlich das Spielen auf einer Sandfläche an windigen Tagen ist. Außerdem gibt es nützliche Tipps, etwa aus welcher Region die Ganztagesschulen ihre Lebensmittel beziehen.

Mütter in Japan kontrollieren die Radioaktivität
Die besorgte Mutter Yuki Osaku (33) traut den japanischen Behörden nicht mehr. Auch sie hat sich ein Messgerät gekauft.

1800 Nachbarn verfolgen inzwischen die Messdaten von Frau Sasaki. Vor der Katastrophe hatten nur 30 Leute ihren Twitterfeed abonniert. Den Widerstand der Mütter organisiert Sasakis Nachbarin Yuki Osaka. Sie hat zwei kleine Kinder und erzählt wie sie weinen musste, als bei ihrem Sohn plötzlich die Nase anfing zu bluten: „Ich mache mir die größten Sorgen um die innere Verstrahlung durch Lebensmittel. Das Problem: Ich kann meinen Sohn nicht zu einem Arzt bringen und untersuchen lassen. Das wird nur in der Region Fukushima angeboten.“

Stress in der Familie

Neben der unsichtbaren Strahlengefahr bekommen die engagierten Mütter auch zunehmend Stress mit ihren Männern. Sie streiten über einen Umzug, weil sie die Häuser in der Siedlung gerade erst gebaut haben und woanders keine Arbeit finden. Entschädigungen gibt es nur in der Krisenregion.

Inzwischen misstrauen auch einige Nachbarn der Guerilla-Aktion und brechen den Kontakt zu den Müttern ab. Diesen fällt zunehmend die Decke auf den Kopf: Die Kinder dürfen draußen nicht spielen und toben seit vier Monaten im Wohnzimmer. Auch im Hochsommer.

Mütter in Japan kontrollieren die Radioaktivität
Wir müssen leider drinnen bleiben – Yuta und Yuma leben in einem Hotspot in Chiba und müssen auch im Sommer im Wohnzimmer spielen.

Gerüchte verunsichern zusätzlich

„Wir fahren zum Spielen sehr weit weg, wo die Radioaktivität nicht so hoch ist“, sagt Frau Sasaki. „Das Einkaufen ist schwierig. An einem Tag konnte ich nur Spargel kaufen. Es ist nicht einfach, sichere Produkte zu finden. Angeblich wird auch die verstrahlte Milch verdünnt.“ Die Angst nimmt mit jeder Schreckensmeldung zu. So ist in dieser Woche Rindfleisch aus Fukushima in Restaurants verkauft worden, obwohl der Grenzwert von Cäsium um das Sechsfache überschritten wurde. Der Bauer hatte seine Tiere mit belastetem Stroh gefüttert.

Die besorgten Mütter fühlen sich mit ihren Kindern im Stich gelassen. Die zuständige Behörde in ihrer Stadt ist genervt von den beiden. Ein Interview bekommen wir deshalb nicht. Die beiden Mütter wundert das nicht. Sie fühlen sich dadurch nur ermutigt, mit ihren Messungen weiter zu machen.

Original, Google Cache, archive.org

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